Extrawurst (2026)

Dass sich Menschen in geschlossenen Räumen begegnen und sich verbal die Köpfe einschlagen, hat im Theater Tradition. Und manchmal sind die Theaterstücke so erfolgreich, dass man auch nochmal eine Filmadaption daraus macht. Man denke nur an DER GOTT DES GEMETZELS von Roman Polanski aus dem Jahr 2011, basierend auf dem Theaterstück von Yasmina Reza. Nun hat Marcus H. Rosenmüller mit EXTRAWURST eine ähnliche Prämisse auf die Leinwand gebracht. Im Tennisclub Lengenheide, irgendwo in der deutschen Provinz, steht das jährliche Sommerfest an. Vereinsvorsitzender Heribert (Hape Kerkeling) hat die Vorbereitungen fest im Griff. Zumindest bildet er sich das ein. Als Melanie (Anja Knauer), der Tennisstar des Clubs, vorschlägt, für das einzige muslimische Mitglied Erol (Fahri Yardım) einen separaten Grill aufzustellen, kippt die Stimmung. Was als harmlose organisatorische Frage beginnt, eskaliert rasant. Plötzlich geht es nicht mehr um Grillgut, sondern um Identität, Zugehörigkeit und unterschwellige Ressentiments. Die Gemüter kochen immer höher und alte Konflikte brechen auf. Der gesamte Verein steht schließlich kurz vor dem Zerfall.

Szenenbild aus EXTRAWURST - Matthias (Friedrich Mücke), Erol (Fahri Yardim), Melanie (Anja Knauer) und Torsten (Christoph Maria Herbst) auf dem Tennisplatz - © Studiocanal GmbH
Matthias (Friedrich Mücke), Erol (Fahri Yardım), Melanie (Anja Knauer) und Torsten (Christoph Maria Herbst) auf dem Tennisplatz – © Studiocanal GmbH

That escalated quickly – The Movie

Die Autoren Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob haben in ihrem Theaterstück eine stetig eskalierende Streitspirale entworfen. Für die Verfilmung haben die beiden auch das Drehbuch verfasst. Der Schauplatz ist brillant gewählt: Ein Tennisverein in der Provinz. EXTRAWURST lebt davon, dass die Figuren in einem sozialen Mikrokosmos gefangen sind. Jeder kennt jeden. Jede Bemerkung trifft doppelt. Jede noch so beiläufige Geste wird sofort überinterpretiert. Man merkt dem Film durchaus seine Herkunft vom Theater an. Über weite Strecken spielt er am selben Ort. Das stört aber wenig. Rosenmüller hat die Kammerspiel-Atmosphäre clever als Stärke genutzt. Die räumliche Enge verstärkt den Druck im Kessel weiter. Wo soll man auch hin, wenn man den Vereinskollegen gesagt hat, dass man sich schnell einigen wird und dann wieder zur Tagesordnung übergehen wird? Das Drehbuch dreht dabei gekonnt an der Eskalationsschraube, ohne die Diskussionen unrealistisch wirken zu lassen. Was mit einem Grill anfängt, wird zur Grundsatzdebatte über Toleranz, politische Korrektheit und die Frage, wie viel Rücksicht man innerhalb einer Gemeinschaft auf Minderheiten nehmen muss.

Szenenbild aus EXTRAWURST - Matthias (Friedrich Mücke), Torsten (Christoph Maria Herbst) und Heribert (Hape Kerkeling) besprechen die Lage - © Studiocanal GmbH / Daniel Gottschalk
Matthias (Friedrich Mücke), Torsten (Christoph Maria Herbst) und Heribert (Hape Kerkeling) besprechen die Lage – © Studiocanal GmbH / Daniel Gottschalk

Kerkeling glänzt als watschelnder Vereinsdespot

Das Herzstück von EXTRAWURST ist zweifellos Hape Kerkeling. Er spielt den machthungrigen Vereinschef Heribert mit einer köstlichen Mischung aus Selbstgefälligkeit und tapsiger Unbeholfenheit. Allein wie er wegen eines permanent eingeklemmten Ischiasnervs die Treppen hoch- und runterwatschelt, ist optisch ein absoluter Knaller. Kerkeling beherrscht die Kunst, gleichzeitig autoritär und komplett lächerlich zu wirken. Und Kerkeling kostet das mit sichtbarer Spielfreude voll aus. Auch Christoph Maria Herbst, der mich in anderen Filmen gerne mal durch seine aufgesetzte Art nervt, hat hier positiv überrascht. Er hält sich rollenbedingt merklich zurück und profitiert davon. Statt zu übertreiben, spielt er angenehm zurückhaltend. Das gesamte Ensemble harmoniert wunderbar miteinander. Jede Figur bekommt ihre Momente und keine wirkt wie bloßes Beiwerk.

Szenenbild aus EXTRAWURST - Erol (Fahri Yardim) und Torsten (Christoph Maria Herbst) sind nicht einer Meinung - © Studiocanal GmbH / Daniel Gottschalk
Erol (Fahri Yardım) und Torsten (Christoph Maria Herbst) sind nicht einer Meinung – © Studiocanal GmbH / Daniel Gottschalk

Ein kitschiges Wohlfühlende

Die Handlung des Films mündet zum Schluss in eine Wohlfühlstimmung, die zum aufgeheizten Rest des Films nicht so recht passen will. Alle haben sich plötzlich wieder lieb. Jeglicher Streit löst sich in Wohlgefallen auf. Der AfD-Sympathisant tanzt glücklich zu türkischer Musik und alles ist wieder gut. Das ist nicht nur unrealistisch, sondern wirkt nach einer so fein aufgebauten Eskalation ziemlich antiklimaktisch, aber in einer deutschsprachigen Komödie muss es wohl einfach immer ein Happy End geben. Ich hätte mir ein mutigeres, kantigeres Ende gewünscht. EXTRAWURST hat mich dennoch richtig gut unterhalten. Ich war ein bißchen entsetzt über die ganzen 1-Sterne-Rezensionen auf → Letterboxd, die ich nicht gerechtfertigt finde. Worüber man aber tatsächlich reden kann, ist der Auswertungsweg. Ist EXTRAWURST ein Film, den man unbedingt auf der großen Leinwand sehen muss? Eindeutig nicht. Einen Fernsehfilm daraus zu machen, wäre völlig ausreichend gewesen.

8/10

Bewertung: 8 von 10.

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