Wie aktuell kann ein über hundert Jahre altes Theaterstück sein? Der englische Regisseur und Autor Robert Icke hat Arthur Schnitzlers „Professor Bernhardi“ von 1912 in die Gegenwart übertragen und als DIE ÄRZTIN neu gedacht. Am Residenztheater München hat Regisseur Miloš Lolić diese Fassung nun inszeniert. Die namensgebende Ärztin ist Dr. Ruth Wolff (Lisa Wagner). Sie gilt als Koryphäe auf ihrem Gebiet. Sie leitet ein auf Alzheimer-Forschung spezialisiertes Institut an einer angesehenen Privatklinik. Beliebt ist sie bei ihren Kolleg*innen allerdings nicht. Ihr wenig diplomatisches Auftreten hat ihr schon manchen Feind eingebracht. Als diensthabende Ärztin bekommt sie eher zufällig den Fall eines 14-jährigen Mädchens. Nach einem misslungenen Eingriff gibt es für die junge Patientin keine Rettung mehr. Ein katholischer Priester (Thomas Reisinger) will dem Mädchen die Sterbesakramente erteilen. Doch Ruth verwehrt ihm den Zutritt zum Krankenzimmer. Für Ruth ist das eine Lappalie. Sie sieht sich im Recht. Doch der Vorfall schlägt hohe Wellen. Intern sind Kollegen empört. Extern wird der Streit publik und eine Online-Petition gegen Ruth gestartet. Sponsoren drohen, ihre Unterstützung zu streichen. Plötzlich werden Stellungnahmen und Entschuldigungen verlangt und Ruth ist gefangen in einem Shitstorm, in dem sich religiöse, ethische und gesellschaftliche Positionen mit Fragen nach Identität und Geschlecht vermischen.

Von der Empörungswelle überrollt
DIE ÄRZTIN hat mich ein bißchen ratlos zurückgelassen und das hat in erster Linie mit der Inszenierung und dem Schauspiel zu tun. Regisseur Miloš Lolić gelingt es durchaus zu dokumentieren, wie aus einer Nichtigkeit ein Flächenbrand werden kann. Die Handlung kommt gut rüber, was in erster Linie auch an der weiblichen Hauptrolle liegt. Lisa Wagner ist ohne Zweifel eine Idealbesetzung für diese Rolle. Sie spielt Ruth mit einer Klarheit, intellektueller Schärfe und lässt gleichzeitig ihre wachsende Verzweiflung durch die Fassade schimmern. Mal trotzig, mal hilflos gegenüber der Übermacht an Argumenten. Auch Cathrin Störmer mit ihrem kurzen Monolog, den man kurz und schlicht mit den Worten „Wehret den Anfängen!“ zusammenfassen kann, überzeugt durchweg als Ruths jüdischer Kollege Michael Copley, während Moritz Treuenfels als Arzt Roger Hardiman glaubhaft zwischen seiner Loyalität gegenüber Wolff und der Angst, seine eigene Position oder die Reputation der Klinik zu gefährden, schwankt.
Allerdings überzeugt nicht der komplette Cast. Der Subplot um das Mädchen Sami (Felicia Chin-Malenski), das Ruth regelmäßig besucht, geht in der übrigen Handlung fast komplett unter. Das ist zum einen sehr undankbar für Chin-Malenski, der man die Figur auch nur bedingt abnimmt. Auch die Beziehung zu Ruths an Alzheimer erkrankten Partnerin Charlie, gespielt von Sibylle Canonica, wird zur Randnotiz.

Irritierende Unschärfen
Auch die Besetzung warf bei mir Fragen auf. Thomas Reisinger spielt einen schwarzen Priester. Damit drängt sich unweigerlich eine neue Lesart auf: Hat Ruth ihn aufgrund von Rassismus geschubst? Man kann das wohlwollend so lesen, wie es etwa → die Kritikerin der Süddeutschen Zeitung getan hat und diesen Umstand schließlich als Pro-Argument für Ruth interpretiert hat. Für sie stehe die Patientin im Vordergrund, die Hautfarbe des Priesters sei für sie irrelevant. Auf der anderen Seite wird das vorher im Stück aber auch nicht anderweitig angesprochen oder in irgendeiner Form sichtbar gemacht, was dann bei mir eher zu einer Irritation geführt hat. Nennt mich pedantisch, aber: Warum wird der Name der Hauptfigur mal deutsch als „Ruut“ und mal englisch mit „th“ ausgesprochen? Entweder man entscheidet sich konsequent für eine Variante oder eben nicht. So was stört mich, auch wenn es nur ein Detail ist.

Stark im Kern, wacklig an den Rändern
DIE ÄRZTIN will nicht belehren. Das Stück lädt vielmehr ein, andere Perspektiven einzunehmen. Diese Haltung ist eine der großen Stärken des Textes. Allerdings macht es Regisseur Miloš Lolić dem Publikum nicht immer leicht, denn einige Entscheidungen in der Inszenierung werfen Fragen auf, die unbeantwortet bleiben. Bereits bei seiner Inszenierung DER PREIS DES MENSCHEN (2020) war ich nicht restlos überzeugt, wobei ich das damals noch als corona-bedingte Ausnahme interpretieren konnte. Dieses Muster wiederholt sich hier aber wieder. DIE ÄRZTIN am Residenztheater ist ein ambitionierter, oft packender Theaterabend. Robert Ickes Text bleibt ein kluges, vielschichtiges Stück über Empörungskultur und moralische Grauzonen. Miloš Lolić hat mit Lisa Wagner eine herausragende Hauptdarstellerin gefunden. Aber es gibt auch viele Unklarheiten in dieser Inszenierung. Dinge, die für mich als Zuschauerin einfach nicht rund genug laufen oder mich nicht „abholen“. Ein Abend mit Luft nach oben.
DIE ÄRZTIN läuft noch am 19.02.2026 / 10.03.2026 / 21.03.2026 im Residenztheater München.
6/10



