Hail Satan? (O, 2019)

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Die Dokumentarfilmerin Penny Lane hat da ein großartiges Thema für ihre vierte Doku in Spielfilmlänge gefunden: Satanisten, die sich für das Gute einsetzen. Penny begleitet in HAIL SATAN? die Mitglieder der in den USA anerkannten Kirche “The Satanic Temple” (TST). Diese halten sich für aufrechte Patrioten, die für die Trennung zwischen Kirche und Staat und Religionsfreiheit und -vielfalt eintreten. Dreh- und Angelpunkt ist der Kirchengründer Lucien Greaves, der natürlich nicht wirklich so heißt, aber sich so nennt, weil das wahrscheinlich cooler klingt. TST versucht eine Gegenbewegung zu christlichen Gruppierungen zu sein. Dabei beruft sich die Kirche auf den 1. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten, der das Recht auf freie Religionsausübung sowie der Gleichbehandlung von Religionsgemeinschaften garantiert. Als TST vorschlug auf dem Gelände der Regierung von Oklahoma, auf dem eine Statue der Zehn Gebote stand, auch eine Statue vom Baphomet zu errichten kommt es zu einem irrwitzigen Rechtsstreit.

Szenenbild aus HAIL SATAN? - Jex Blackmore - © Filmfest München
Jex Blackmore – © Filmfest München

Teuflisch lustig

Diese Satanisten muss man einfach gern haben. Sie sehen sich weniger als Teufelsanbeter wie etwa ihre Kollegen von der “Church of Satan”, denn als Gegenbewegung zu herrschenden und etablierten Systemen. Das erklärt auch, warum die Präsidentschaft von Donald Trump dazu geführt haben, dass die Mitgliederzahlen der TST → explosionsartig in die Höhe geschnellt sind. Es ist immer wieder herrlich, auf welche gewitzten Ideen die Mitglieder kommen. Dabei reicht meistens schon ein kleiner Stein des Anstoßes um eine Reaktion zu bekommen. So eröffnet die TST ihr Hauptquartier in Salem, Massachusetts, und streicht das Haus demonstrativ in einem knalligen Schwarz. Ich musste dabei an die Dokumentation über DIE PARTEI denken. Als einfach mal eine Delegation nach Georgien reiste und ein Abkommen mit der größten georgischen Oppositionspartei unterzeichnete. Wer Realsatire liebt, wird auch HAIL SATAN? lieben.

Szenenbild aus HAIL SATAN? - © Filmfest München
© Filmfest München

“Activism is a satanic practice.”

Häufig wirken die Aktionen der Kirche wie ein kalkulierter Performance Act. Wenn man in einer Schule für Kinder plötzlich einen “After School Satan Club” anbietet, kann man sich schon ausmalen, wie christlich geprägte Eltern darauf reagieren. Auch satanische Blutspendeaktionen erzeugen Aufmerksamkeit. Man hat schon den Eindruck, dass alle Beteiligten wissen, was sie da tun. Die „Kirche“ versammelt Außenseiter, die in einer christlichen Kirche nicht willkommen wären. Absoluter Höhepunkt des Films ist die Erklärung, wieso es überhaupt in vielen US-Städten die 10 Gebote als Steintafeln auf öffentlichen Plätzen gibt. Wie sich herausstellt, wurden die Tafeln als Promo-Aktion für den 1956 erschienenen Film THE TEN COMMANDMENTS verschiedenen Städten gestiftet. Dass es sich um Filmpromo handelt, ist heute weitestgehend vergessen und viele Bürger sehen in den Tafeln eine Zurschaustellung der eigenen Werte und des Christentums. Der Film zeigt aber auch die Schattenseiten. TST wächst so rasant an und wird zunehmend zu einer Institution, die man natürlich strukturieren muss. Noch während der Dreharbeiten wird beispielsweise die Gründerin des Detroiter TST-Ablegers Jex Blackmore von TST ausgeschlossen, weil sie öffentlich zum Mord an Donald Trump aufgerufen hat.

5/6 bzw. 8/10

Trailer: © Magnolia Pictures & Magnet Releasing

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