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Dokumentarfilm

Finding Vivian Maier (2013)

Szenenbild aus FINDING VIVIAN MAIER - © Ravine Pictures

Maiers Nachlass - © Ravine Pictures

Es war einmal ein Kindermädchen. Dieses Kindermädchen, geboren in der Bronx, aufgewachsen in Frankreich, zog 1951 im Alter von 25 Jahren von Frankreich zurück nach New York. Über 40 Jahre arbeitete sie – auch in Chicago – als Tagesmutter und frönte nebenbei ihrer großen Leidenschaft als Amateur-Straßenfotografin. Die exzentrische Vivian Maier ging nie ohne ihre Kamera aus dem Haus. Mit den Kindern, die in ihrer Obhut waren, unternahm sie Streifzüge quer durch die Stadt. Maier hat zu Lebzeiten die Ergebnisse ihrer Arbeit nie mit jemandem geteilt. Erst Jahrzehnte später findet der Immobilienmakler John Maloof bei einer Auktion einen wahren Schatz an Fotografien, Negativen und unentwickelten Filmdosen, die Menschen in New York und in Chicago in ihrem großstädtischen Alltag zeigen. Gemeinsam mit Produzent Charlie Siskel begibt sich Maloof auf eine Spurensuche. Er interviewt Zeitzeugen um herauszufinden, wer Vivian Maier war.

Szenenbild aus FINDING VIVIAN MAIER - © Maloof Collection
Selbstporträt von Vivian Maier - © Maloof Collection

Der große Reibach

Es ist anzunehmen, dass Vivian Maier ihre Bilder gar nicht veröffentlichen wollte. Ins Feld führt John Maloof daher einen Brief an, der beweisen soll, dass Maier ihre Motive auf Postkarten drucken lassen wollte. Was der Film aber komplett unterschlägt, ist die Tatsache wie sehr Maloof von seinem Fund profitiert. Einzelne Fotografien von Vivian Maier können zwischen 3.000 und 8.000 US-Dollar kosten und dank diesem Dokumentarfilm und einer BBC-Dokumentation, die sich ebenfalls mit Maiers Biografie beschäftigt, ist das Interesse groß. Auch der Streit um die Bilder. Die Rechtstreitigkeiten um die Rechte an den Fotografien ziehen sich schon Jahre hin. Momentan kuratiert Maloof zusammen mit Museen und anderen Ausstellungsräumen die Fotografien. Als Monopolist auf die Bilder kann er entscheiden, welche Bilder der Öffentlichkeit überhaupt gezeigt werden. Eine allgemein gültige kunsthistorische Einordnung der Arbeit von Vivian Maier ist daher schwierig. Der finanzielle Aspekt wird in der Dokumentation aber vollkommen ausgeklammert. Maloof inszeniert sich als Wohltäter, der die Weltöffentlichkeit auf diesen verborgenen Schatz stößt.

Szenenbild aus FINDING VIVIAN MAIER - City - © Maloof Collection
© Maloof Collection

Widersprüchliche Aussagen

Nichtsdestotrotz ist es aber ein Schatz. Die Bilder sehen wirklich wahnsinnig gut aus. Stylish wie in einem Modemagazin und doch zeigen die Fotos ganz normale Leute von der Straße. Sicher kostet es einige Nerven und Zeit diesen Schatz zu bergen, also zu katalogisieren und zu kuratieren. Und es kostete sicher genauso viel Anstrengung die ganzen Zeitzeugen zusammenzusuchen, die Maloof und Siskel in FINDING VIVIAN MAIER zu Wort kommen lässt. Auffällig ist, dass sich viele Aussagen auch widersprechen. Jeder hat Maier anders wahrgenommen. Während die einen sie als schwierig, exzentrisch oder grausam bezeichnen, sprechen andere in den höchsten Tönen von ihr. Maloof und Siskel lassen die O-Töne gleichwertig nebeneinander stehen ohne diese einzuordnen. Das gestaltet sich auch schwierig, weil es in diesem Fall nicht die eine universelle Wahrheit gibt. Alles in allem ist FINDING VIVIAN MAIER eine spannende Dokumentation, der aufgrund der subjektiven Perspektive aber natürlich auch Informationen weglässt.

4.5/6 bzw. 7.5/10

Trailer: © NFP

  1. Wow – sehr spannend! Von der Doku und von Vivian Maier habe ich bisher noch gar nichts gehört. In jedem eine spannende Frage warum sie es nicht öffentlich gemacht hat und ob Maloof es darf. An sich finde ich den Gedanken sehr schön, dass jemand Kunst nur für sich macht und keine Anerkennung oder keinen Ruhm braucht. Ob der zu dem passt, was als Beweggrund in der Doku genannt wird, weiß ich natürlich nicht – aber es wäre erfrischend.

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