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Filmwissen

Filmische Objekte: Der Spiegel

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Der Spiegel – eine Einleitung

von Franziska von Adoring Audience

Es ist diese eine Szene, die jahrelang für Kopfzerbrechen sorgte. Die Spiegelszene aus CONTACT (1997) ist wohl eine der handwerklich großartigsten Spiegelszenen in der gesamten Filmhistorie. Spiegel finden sich immer wieder in Filmen. Spiegel werden zerbrochen, bilden ein Portal in eine andere Welt oder zeigen das wahre Selbst eines Charakters. Darum hat es der Spiegel in diesem Monat in unsere Reihe „Filmische Objekte“ geschafft.

Clip: © Youtube/David Webber

Bereits in der griechischen Mythologie findet sich ein Spiegel. Kein Spiegel im klassischen Sinne zwar, nur eine Wasseroberfläche. Narziss, gestraft mit unstillbarer Selbstliebe, verliebt sich in sein eigenes Spiegelbild. Daher kommen begrifflich nicht nur die Narzisse (in die soll sich Narziss nach seinem Tod verwandelt haben), sondern auch der Narzissmus. Passend dazu spiegelt sich der selbstverliebte Gollum in der HERR DER RINGE-Trilogie gerne mal in Pfützen oder einem Fluss.

Clip: © Youtube/Bobzeda

Die Wasseroberfläche ist aber auch flüchtiger als ein richtiger Spiegel. Das erkennt auch Simba in DER KÖNIG DER LÖWEN. Hier sieht Simba in sich selbst eine Reflexion seines Vaters. Der Spiegel als Ort der Sehnsüchte. Ein Paradebeispiel ist auch der Spiegel Nerhegeb aus HARRY POTTER UND DER STEIN DER WEISEN. In diesem sieht man nicht sein Spiegelbild, sondern er zeigt, wie man sich am liebsten sehen würde. Harry sieht sich im Kreis seiner Eltern und Großeltern, weil er sich mehr als alles andere nach seiner Familie sehnt.

Der Spiegel und Die Wahrnehmung

Eine Theorie, die sich mit dem Spiegel beschäftigt, stammt von dem französischen Psychoanalytiker Jacques Lacan: das Spiegelstadium. Das Spiegelstadium bezeichnet eine Entwicklungsphase des Kindes um den 6. bis 18. Lebensmonat, innerhalb der die Entwicklung des Ichs stattfindet. Lacan versucht mit dieser Theorie, eine Antwort auf die Frage zu geben, wie im Menschen Selbstbewusstsein entsteht und funktioniert. Dabei geht es auch darum wie man sich selbst in der Welt einordnet. Die Frage “Wie sehen mich die anderen?” wird zunehmend wichtiger. Der Spiegel wird zur Einordnung, zur versichernden Instanz, dass alles in Ordnung ist. “Spieglein, Spieglein, an der Wand – wer ist die Schönste im ganzen Land?”

Szenenbild aus SNOW WHITE & THE HUNTSMAN - Ravanna (Charlize Theron) befragt den Spiegel - © Universal Pictures

Ravanna befragt den Spiegel in SNOW WHITE & THE HUNTSMAN – © Universal

In SNOW WHITE AND THE HUNTSMAN kommt aus dem Spiegel eine Gestalt, die diese Einordnung vornimmt und versichert: “Ihr seid es, meine Königin.” Im Spiegel lauern auch Gefahren. Der Betrachter ist irritiert, wenn das Spiegelbild verzerrt ist, fehlt oder er eine andere Person im Spiegel sieht. Im Kontext der Filmproduktion ist ein Spiegel aber auch immer eine Gefahr, die Illusion des Films aufzulösen.

© Youtube/HoustonProductions1

Reflektierende Gefahr – Der Spiegel im Horrorfilm und im Thriller

von Marcel von → Filmschrott

Eine Person steht vor dem Badezimmerspiegel. Die Nacht war kurz. Ein Schwall kaltes Wasser im Gesicht sollte beim Wachwerden helfen. Die Person beugt sich hinunter zum Waschbecken. Nach dem Waschvorgang hebt sie den Kopf und schaut in den Spiegel. Hinter der Person steht eine grauenhafte Gestalt. Diese und ähnliche Szenen sind äußerst beliebt in Horrorfilmen. In manchen Fällen ist es nur Einbildung, aber in anderen Fällen wie in AN AMERICAN WEREWOLF IN LONDON ist die Gestalt real. In ganz schlechten Fällen wie in MIRRORS ist die Gestalt im Spiegel sogar absolut tödlich. Teenager in Horrorfilmen geben sich gerne Mutproben hin, die auf urbanen Legenden beruhen. So beschwören sie oftmals etwas Böses herauf, indem sie einen Namen in einen Spiegel sagen.

Szenenbild aus MIRRORS - © 20th Century Fox

Szenenbild aus MIRRORS – © 20th Century Fox

Wer fünfmal den CANDYMAN oder die BLOODY MARY ruft, hat bald ein ernsthaftes Problem an den Hacken. Manche sogenannte Monster haben ganz besondere Probleme mit Spiegeln. Es heißt, der Spiegel würde die Seele reflektieren. Deshalb haben Vampire kein Spiegelbild. Dieser Umstand wird DRACULA in den zahlreichen Verfilmungen zum Verhängnis, wenn Van Helsing dadurch die wahre Identität des Grafen erfährt. Stephen King -Verfilmungen bedienen sich ebenfalls gerne dem Spiegel in der ein oder anderen Weise. CARRIE aus dem gleichnamigen Film mag ihr eigenes Spiegelbild nicht und nutzt deshalb ihre telekinetischen Fähigkeiten, um den Spiegel zu zerbrechen. In Stanley Kubricks THE SHINING haben Spiegel eine größere Bedeutung. Es gibt eine ganze Menge an Spiegelbildern und Reflexionen zu beobachten. Die wichtigste ist aber sicher das Wort »REDRUM«, das Sohn Danny an eine Tür schreibt. Erst als Mutter Wendy das Wort in einem Spiegel sieht, versteht sie den Sinn hinter dem Wort. Der Rückspiegel eines Autos lässt einen oft die herannahende Gefahr wahrnehmen. So sieht Stuntman Mike in Quentin Tarantinos DEATH PROOF in letzter Sekunde, wie die ihn verfolgenden Frauen auf sein Auto zurasen. Manche Objekte erscheinen sogar größer im Rückspiegel. Zum Beispiel ein T-Rex, der einen Jeep verfolgt wie in JURASSIC PARK. Im Thriller kommt der Spiegel in den meisten Fällen in einem Verhörzimmer vor. Der Einwegspiegel, durch den die Ermittler das Verhör anschauen können, ist ein beliebtes Objekt um Antworten zu liefern und neue Fragen aufzuwerfen wie in L.A. CONFIDENTIAL.

Clip: © Youtube/Movieclips

Aber auch der ein oder andere Mörder hat das reflektierende Objekt für sich entdeckt. So lässt Killer Karlheinz Böhm in PEEPING TOM seine Opfer ihren eigenen Mord in einem Spiegel beobachten. In RED DRAGON streut der Mörder Splitter von Spiegeln in die Augen seiner Opfer. Aber auch die Opfer selbst können mit der Hilfe von Spiegeln versuchen, Hinweise auf den Mörder zu geben. In Dario Argentos Giallo PROFONDO ROSSO schreibt ein Mordopfer mit letzter Kraft eine Nachricht auf einen beschlagenen Spiegel, aber als die Ermittler eintreffen, ist die Nachricht bereits verschwunden.

Clip: © Youtube/Metrodome Film

Das reflektierte Ich – das Spiegelbild im Film

von →Miss Booleana

Reflexion ist ein physikalisches Phänomen, das einem spätestens in der Schule erklärt wird und jedem bewusst ist. Trotzdem hat das Sehen und Erkennen des eigenen Selbst etwas sonderbares an sich. Man geht durch die Welt in der Perspektive alles zu sehen, was vor einem liegt. Nicht sich selbst. Sehe ich mich wie mich die anderen sehen? Was wir im Spiegel sehen, ist vielleicht nicht, was wir erwarten oder was wir uns wünschen und wirkt deswegen eine besondere Faszination aus. Es kann gefärbt sein, von unserem Innenleben. Oder uns zu einer Erkenntnis verhelfen. Momente der Selbstreflexion. Nimmt man nur mal die berühmte und improvisierte Szene De Niros in TAXI DRIVER, in der Travis Bickle vor dem Spiegel steht und mit sich selbst redet. Um sich Mut anzuschauspielern, um den Revolverhelden zu markieren oder einfach um zu interagieren und zu kompensieren, was ihm an Kontakt zu der Welt fehlt. An möglicherweise mangelnder Selbstreflexion.

Clip: © Youtube/Movieclips

Vor allem sind Spiegel entlarvend. Ob es der müde Blick am Montag morgen ist, oder die Erkenntnis, dass wir uns verändert haben. Oder wer wir sind. Oder dass wir sind. Tieren wird nachgesagt, dass sie kein Empfinden für das „Selbst“ haben und sich daher in einem Spiegel nicht erkennen, sondern durchaus für einen Rivalen halten. Aber damit ist die Faszination des Selbst noch nicht beendet. Was, wenn der Spiegel reflektiert, was wir uns selbst nur schwer eingestehen können oder wovor wir uns fürchten? In DIE UNENDLICHEN GESCHICHTE stellt sich Atréju einigen Prüfungen auf dem Weg zum südlichen Orakel um die kindliche Kaiserin zu retten. Eine dieser Prüfungen ist ein Tor in Form eines großen, runden Spiegels, der einem das eigene, wahre Selbst zeigt. Die stärksten Männer soll es das Fürchten gelehrt haben, was sie in dem Spiegel sahen. Atréju stellt sich dem Spiegel und erkennt darin eine Verbindung zu jemanden – nein zu sich selbst.

Clip: © Youtube/MovieclipsPROMO

Der angehende Ballett-Star Nina muss stattdessen in Darren Aronofskys BLACK SWAN eine Entdeckung machen, vor der sie lieber zurückgeschreckt wäre. Seit einer Weile schon fühlt sie sich verfolgt, beobachtet, nicht sie selbst, unter Druck gesetzt. Als ihr Spiegelbild ein Eigenleben entwickelt und sich anders verhält als sie es tut, versetzt das Nina in Angst. Verliert sie den Verstand? Für den Zuschauer wird klar, dass sie langsam die Kontrolle verliert. Sie halluziniert. Vor allem steckt in ihrer Angst vor sich und den Erkenntnissen im Spiegel aber die Wahrheit über ihre dunkle Seite, den schwarzen Schwan, den sie spielen soll. In dieser Rolle spiegeln sich alle unterdrückten Gefühle, die sie über Jahre zurückgehalten hat. Wut, das Bedürfnis sich gehen zu lassen, Lust, Rebellion – ein Kontrollverlust vor dem sich Nina auf der ewigen Suche nach Perfektion fürchtet.

Szenenbild aus THE BROKEN - © Lionsgate Home Entertainment

Szenenbild aus THE BROKEN – © Lionsgate Home Entertainment

Aber sind es per Definition wir, die wir im Spiegel sehen oder Abbilder unserer selbst? In THE BROKEN deuten zersprungene Spiegel den Horror an, hinter den Hauptfigur Gina nur sehr spät kommt. Es sind die Spiegelbilder, die sich befreit haben und die Plätze der „echten“ Menschen einnehmen. Die spiegelverkehrten Innereien auf den Röntgenbildern verraten sie und das ungute Gefühl: Ist das wirklich mein Mann? Ist das wirklich meine Freundin? Oder sehen sie nur so aus? Wir können nicht in den Kopf eines Menschen sehen, nicht in ihn hinein, wir müssen uns mit dem Abbild und er Deutung dessen begnügen. Vielleicht ist wegen dieser Unschärfe und Unsicherheit der Spiegel im Horrorfilm ein so beliebtes Motiv? Eines, das auch der Horrorfilm OCULUS aufgreift. Wer in den Spiegel schaut, gerät dort eventuell in seinen Bann, verliert die Kontrolle über sich und trachtet seinen Liebsten nach dem Leben.

  1. Verdammt. Achtmal durchgelesen vor Veröffentlichung und jetzt fällt mir dann doch noch ein Fehler auf.

    In Dario Argentos Giallos PROFONFO ROSSO

    Müsste eigentlich heißen „In Dario Argentos Giallo PROFONDO ROSSO. Also bei Giallos hinten das S weg und bei Profondo das F mit einem D tauschen. Kannst du das bitte noch editieren, Franziska? Danke.

  2. Schöner Artikel und eine offenbar sehr sehenswerte Sammlung an Filmen und Szenen. 🙂
    Interessant das Vampire sich selbst nicht sehen können – also nicht mal im Spiegel. Darüber habe ich bis jetzt nicht viel nachgedacht, aber es passt durchaus zum Rollenmodell.

  3. Durch das „goldene Lesezeichen“ von Ma-Go hier gelandet.
    Ein wirklich großartiger und interessanter Beitrag, mit einem Thema worüber man sich bestimmt nicht jeden Tag Gedanken drüber macht.
    Vielen Dank an die Autoren : )

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