Während das moderne Hollywood-Kino zusehends in einer Krise steckt, gehen viele Kinos dazu über, alte Klassiker wieder auf die große Leinwand zu bringen. So bin ich durch Zufall über ein Screening von THE THIRD MAN gestolpert. Von dem Film weiß ich eigentlich nur, dass er hauptsächlich in Wien spielt und da ich demnächst wieder Zeit in Wien verbringe, war ich neugierig. Davon abgesehen konnte ich mal wieder eine filmische Bildungslücke schließen. Kurz zur Geschichte: Der mäßig erfolgreiche amerikanische Schriftsteller Holly Martins (Joseph Cotten) erhält eine Einladung von seinem alten Schulfreund Harry Lime (Orson Welles) ins Wien der Nachkriegszeit. Harry hat angeblich einen Job für den mittellosen Holly. Doch als dieser in der zertrümmerten Stadt ankommt, ist Harry tot. Das behauptet zumindest der Portier (Paul Hörbiger). Holly eilt zur Beerdigung und steht plötzlich mit unbekannten Personen am Grab seines Freundes. Schnell fällt ihm auf, dass die Geschichten der Trauergäste nicht zusammenpassen. Die Umstände von Harrys angeblichem Unfalltod werfen immer mehr Fragen auf. Also beginnt Holly auf eigene Faust zu ermitteln und versucht, die Wahrheit hinter Harrys Ableben aufzudecken.

Sehr gut gealtert
Carol Reeds THE THIRD MAN wirkt auch heute noch sehr spannend. Die Handlung zieht einen von Anfang an in ihren Bann. Dadurch, dass man wie Holly Martins, keine Ahnung von den Zusammenhängen hat, ist es enorm spannend, ihm bei seinen Ermittlungen zuzuschauen. Dabei gelingt es dem Regisseur die düstere Grundstimmung immer wieder mit wunderbar komischen Momenten aufzulockern. Besonders die grantige Hausherrin (Hedwig Bleibtreu) hat es mir angetan. Sie regt sich pausenlos darüber auf, dass ständig die Polizei in ihrem Haus herumschnüffelt. Herrlich ist auch der kleine Hansel (Herbert Halbik), der Sohn des Portiers. Das Bübchen bezeichnet Holly lautstark als Mörder, lenkt damit die Aufmerksamkeit der aufgebrachten Nachbarn auf ihn und verfolgt ihn johlend.

Oscarreife Kamera
Kameramann Robert Krasker hat für seine Arbeit an THE THIRD MAN völlig verdient einen Oscar gewonnen. Die Bildsprache ist ziemlich auffällig. Immer wieder kippt die Kamera in schiefe, expressionistische Bilder. Das erzeugt eine permanente Verunsicherung beim Zuschauer. Dazu kommen extreme Nahaufnahmen auf die Gesichter der Wiener Bevölkerung. Diese starren Blicke und kantigen Gesichtszüge lösen auch nach über siebenundsiebzig Jahren noch ein echtes Unbehagen aus, ohne dabei so klassische Thriller-Elemente wie Jump Scares zu benutzen. Das zerstörte Wien wird hier nicht nur als Kulisse genutzt. Die Stadt wird selbst zum stummen Protagonisten. Die Ruinen im Stadtbild, die dunklen Gassen, die langen Schatten. All das trägt zur beklemmenden Atmosphäre bei. Man spürt förmlich das Misstrauen dieser Zeit.

Kleine Zither, großer Soundtrack
Wenn man an Hollywood-Filmmusik denkt, dann denkt man ja wahrscheinlich zuerst an große Orchester mit Pauken und Trompeten, Streichern und Holzblasinstrumenten. Der Score in THE THIRD MAN besteht aber in erster Linie aus Zither-Musik. Das berühmte Zither-Motiv von Anton Karas kennt jeder. Auch diejenigen, die diesen Film noch nie gesehen haben. Ich hatte einen echten Aha-Moment. Die Melodie habe ich schon oft gehört und wurde manchmal sogar auch in anderen Filmen rezitiert. Der Indianer Winnetouch in DER SCHUH DES MANITU spielt in einer Szene die Melodie auf der Zither. Mit Wien oder dem Film hatte ich die Melodie aber nie verbunden. Es ist schon ungewöhnlich, einen kompletten Filmscore nur mit der Zither einzuspielen. Das verleiht dem Film schon einen unverwechselbaren Charakter. Allerdings passt die Musik nicht immer perfekt zur jeweiligen Szene. Manchmal klingt die Zither arg fröhlich, obwohl die Handlung gerade auf einem Friedhof spielt. Das wirkt dann etwas deplatziert. Trotzdem bin ich positiv überrascht, wie gut die Zither dann doch im Großen und Ganzen passt.

Kleine Längen im Finale
Im letzten Drittel zieht sich die Handlung leider ein bißchen. Die berühmte Verfolgungsjagd durch die Wiener Kanalisation ist zwar ikonisch und visuell beeindruckend inszeniert. Aber sie dauert mir einfach ein bisschen zu lang. Ähnlich verhält es sich mit der Schlussszene auf dem Wiener Zentralfriedhof. Das Tempo, das den Film über weite Strecken so mitreißend macht, geht zum Ende hin etwas verloren. THE THIRD MAN hat mich insgesamt aber trotzdem überzeugt. Der Film ist hervorragend gealtert und beweist eindrucksvoll, warum er zu den großen Werken der Filmgeschichte zählt. Carol Reed hat hier einen Thriller geschaffen, der spannend unterhält, visuell begeistert und dabei auch noch nachdenklich macht. Die Besetzung ist erstklassig. Joseph Cotten gibt den naiven Amerikaner im Nachkriegs-Chaos glaubwürdig und sympathisch. Und Orson Welles macht aus seiner vergleichsweise kurzen Screentime wirklich enorm viel. Wer die Gelegenheit hat, THE THIRD MAN auf der großen Leinwand zu erleben, sollte das unbedingt tun.
Wer kein Kino in der Nähe hat, das DER DRITTE MANN spielt, kann sich den Film auf DVD und Blu-Ray für das Heimkino kaufen. 2024 erschien zudem eine restaurierte 4K-Fassung zum 75. Geburtstag des Films.
Tipp für alle Wientouristen: Das Burgkino, eines der ältesten noch bespielten Kinos in Wien, zeigt seit vielen Jahren mindestens zweimal wöchentlich den Film THE THIRD MAN in englischer Originalfassung. Zudem gibt es auch Führungen zu den Schauplätzen des Films und durch die Kanalisation von Wien.
8/10



