Showrunner Vince Gilligan hat mit BREAKING BAD und BETTER CALL SAUL bewiesen, dass er spannende Geschichten in Serienform erzählen kann. In seiner neuesten Serie PLURIBUS hat er sich einem völlig neuen Genre zugewandt: Science-Fiction. Darin empfangen Astronomen ein mysteriöses Radiosignal aus dem All. Das Signal enthält eine RNA-Sequenz, die Wissenschaftler im Labor rekonstruieren. Was folgt, ist eine weltweite Seuche. Die Infizierten verhalten sich plötzlich wie Teile eines gemeinsamen Organismus und verbreiten das Virus über ihren Speichel. In diesem Chaos kehrt die Autorin Carol Sturka (Rhea Seehorn) mit ihrer Partnerin Helen (Miriam Shor) nach Albuquerque zurück. Helen stirbt während der Flucht.
Carol flieht verzweifelt nach Hause. Sie stellt fest, dass alle Infizierten sie beim Namen kennen. Sie wissen sogar intimste Details aus ihrem Leben. Im Fernsehen erfährt sie die schockierende Wahrheit: Das Virus hat die gesamte Menschheit in ein Kollektivbewusstsein verwandelt. Carol gehört zu nur zwölf Menschen weltweit, die gegen dieses Phänomen immun sind. Das Kollektiv beteuert gebetsmühlenartig, dass alles in Ordnung sei und die Welt nun ein besserer Ort. Um die Immunen bei Laune zu halten, erfüllt das Kollektiv ihnen jeden erdenklichen Wunsch. Materielles, kulinarische Genüsse, Reisen – alles ist möglich. Einzig den alten Zustand der Welt zurückzubringen oder jemanden zu töten, verweigert das Kollektiv kategorisch. Carol ist jedoch weit davon entfernt, sich über diese bizarre Situation zu freuen. Als sie einen Wutanfall bekommt, hat das Auswirkungen auf das Kollektiv. Millionen Menschen sterben.

Koexistenz mit einem allwissenden Organismus
Wer bei PLURIBUS einsteigt, wird in der ersten Folge erst einmal mit einer Zombie-Apokalypse konfrontiert. Optisch und atmosphärisch kann man sich auf bekannte Szenen: brennende Häuser oder Autos, eine panische Flucht im Auto und Jump Scares, wenn vermeintlich Tote plötzlich wieder aufstehen – das kennt man schon. Das Opening von THE LAST OF US lässt grüßen. Doch wer durchhält, wird belohnt. Ab der zweiten Episode entwickelt sich PLURIBUS zu etwas völlig Eigenständigem und bleibt auch ohne permanente Action fesselnd. Das Herzstück der Serie bildet dabei die Beziehung zwischen Carol, dem Kollektiv und den anderen Immunen. Diese Konstellation wirft ständig Fragen auf. Wie würde man selbst reagieren, wenn die gesamte Menschheit plötzlich zu einem allwissenden Organismus verschmolzen wäre? Die Serie hat genau die richtige Mischung aus Spannung, Fragen und „plausibler“ Erklärung gefunden. Man bekommt gerade genug Antworten, um nicht frustriert zu sein, behält aber genug offene Fragen, um unbedingt weiterschauen zu wollen. Im Netz kursieren mittlerweile auch schon zahlreiche Theorien darüber, wohin die Geschichte noch führen könnte.

Der Verlust jeglicher Identität
PLURIBUS stellt im Hintergrund zahlreiche philosophische Fragen: Was bedeutet Individualität, wenn alle anderen zu einem Kollektiv verschmolzen sind? Wie verhält man sich gegenüber einem Schwarm, der alles weiß und nahezu alles kann? Gilligan und sein Team haben diese existenziellen Fragen geschickt in eine spannende Handlung verpackt. Die Figur der Zosia (Karolina Wydra) verkörpert dabei das emotionale Dilemma perfekt. Als Teil des Kollektivs versucht sie, Carol die Vorteile des „Joining“ näherzubringen. Sie erschafft sogar eine liebenswerte Version von sich, um Carol zu gefallen. Besonders gelungen sind die Begegnungen mit den anderen Immunen. Jeder hat eine ganz eigene Strategie entwickelt, um mit der neuen Weltordnung klarzukommen. Mr. Diabaté (Samba Schutte) etwa lebt seine James-Bond-Fantasie in vollen Zügen aus. Maßanzüge, Champagner und leicht bekleidete Damen – er hat sich sein persönliches Paradies erschaffen und hat auch kein Interesse daran, das zu ändern. Andere wiederum leben mit Familienangehörigen zusammen, die nun Teil des Kollektivs sind. Sie teilen noch immer das Haus, aber die Person, die sie kannten, existiert nicht mehr. Diese unterschiedlichen Bewältigungsstrategien machen die Serie vielschichtig.

Schwarzer Humor inklusive
Gilligan hat in seine Antihelden-Geschichte aber auch an vielen Stellen schwarzen Humor eingeflochten. Die Absurdität mancher Situationen – etwa, dass das Kollektiv keinen frischen Hummer servieren kann, weil es kategorisch kein Lebewesen tötet – sorgt für entlarvende Pointen. Diese Momente lockern die ansonsten beklemmende Atmosphäre immer wieder geschickt auf, ohne die ernsten Themen zu untergraben. Ein kleiner Kritikpunkt: Nicht jede Episode zündet sofort. Die Serie nimmt sich Zeit für die Charakterentwicklung und das World-Building und steigert sich von Folge zu Folge. Wer durchgehende Spannung erwartet, wird hin und wieder enttäuscht. Dafür belohnt PLURIBUS geduldige Zuschauer mit einer spürbaren Charakterentwicklung seiner Figuren. Rhea Seehorn hat Carol als vielschichtige, in Teilen auch recht unsympathische Protagonistin angelegt, deren Wandlung man über die Staffel hinweg hautnah miterlebt. Jüngst bekam sie einen Critics Choice Award für ihre brillante Darstellung. Die erste Staffel von PLURIBUS hat definitiv Lust auf mehr gemacht. Die Serie verbindet clevere Science-Fiction mit existenziellen Fragen und schwarzem Humor. Auf die zweite Staffel werden wir vermutlich aber noch zwei Jahre warten müssen.
PLURIBUS ist exklusiv über den Streamingdienst Apple TV+ abrufbar. Die Serie ist bislang auf zwei Staffeln ausgelegt.
8.5/10



