Marty Supreme (2025)

Timothée Chalamet hat sich in letzter Zeit nicht nur Freunde gemacht. In einem Gespräch mit Matthew McConaughey bei einer Veranstaltung von CNN und Variety erklärte er, er wolle nicht in Kunstformen wie Ballett oder Oper arbeiten, bei denen man darum betteln müsse, sie am Leben zu halten, obwohl sich niemand mehr dafür interessiere. Was als Nebenbemerkung über die Zukunft des Kinos gedacht war, wurde relativ schnell zum Shitstorm. Schnell wurde spekuliert, ob Chalamets Oscar-Chancen für MARTY SUPREME dadurch sinken könnten. Da die Stimmen für die Academy Awards 2026 aber vorher ausgezählt wurden, hat die Debatte am Ergebnis nichts mehr geändert. Einen Oscar gab’s trotzdem nicht.

MARTY SUPREME basiert lose auf dem Leben des US-amerikanischen Tischtennisspielers Marty Reisman. Die in den 1950er-Jahren spielende Geschichte ist jedoch frei erfunden. Regisseur Josh Safdie hat einen Film inszeniert, der seinen Protagonisten als großmäuligen Träumer vorstellt. Marty (Timothée Chalamet) verkauft tagsüber Schuhe im Laden seines Onkels. Das hält ihn aber nicht davon ab, sich für einen der besten Tischtennisspieler der Welt zu halten. Für ihn ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Welt sein Talent erkennt. Seine große Chance wittert er in einem Turnier in London, für das er von New York City aus über den Atlantik fliegt. Dort wird er allerdings mit der unbarmherzigen Realität des Leistungssports konfrontiert. Im Finale unterliegt er dem Japaner Koto Endo (Koto Kawaguchi). Doch Marty gibt sich nicht geschlagen. Er beginnt, das Geld für das nächste Turnier zusammenzukratzen.

Szenenbild aus MARTY SUPREME - Marty (Timothée Chalamet) - © Tobis Film
Marty (Timothée Chalamet) – © Tobis Film

Fake it till you make it

Auf dem Filmplakat sieht man Marty wegrennen. Die Frage, die ich mir immer wieder gestellt habe: Wovor eigentlich? Marty ist ein Getriebener. Doch was genau ihn antreibt, habe ich nie richtig greifen können. Wenn er seiner schwangeren Freundin Rachel erklärt, er habe eben eine Bestimmung und sie keine und das sei ja auch nicht so schlimm, dann fragt man sich unweigerlich: Wie kommt er denn darauf? Ist es pure Überheblichkeit? Oder ein Schutzmechanismus gegen die Angst, ein gewöhnliches Leben zu führen? Safdie lässt das bewusst offen. Es erzeugt aber dadurch auch eine gewisse Distanz zur Figur. Vertrauenswürdig ist in MARTY SUPREME ohnehin eigentlich niemand. Marty lügt seinem Gegenüber die Hucke voll und wird selbst immer wieder belogen. Das Motto lautet: Wer am überzeugendsten lügt, gewinnt. Vielleicht hat Safdie die Kamera deshalb so nah an die Gesichter gerückt. Als könnte man in den lügenden Gesichtern noch etwas Interessantes oder Sympathisches darin entdecken. Es liegt letztlich am Casting von Timothée Chalamet, dass man diesem unsympathischen Charakter trotzdem noch etwas Unterhaltsames abgewinnt. Man ertappt sich dabei, diesem Hochstapler tatsächlich die Daumen zu drücken.

Szenenbild aus MARTY SUPREME - Schauspielerin Kay Stone (Gwyneth Paltrow) - © Tobis Film
Schauspielerin Kay Stone (Gwyneth Paltrow) – © Tobis Film

Zu viele Nebenschauplätze

Nach einer kurzen Einführung der Figuren wird MARTY SUPREME zur Achterbahnfahrt. Ein Mensch bricht in einer Badewanne durch die Decke. Ein verschwundener Hund muss gesucht werden, weil der reiche Besitzer ihn gerne wiederhätte. Dazwischen die Tischtennis-Matches und die Suche nach einer Finanzierung der Reise zum Tischtennisturnier. Dieses Tempo hat anfangs durchaus seinen Reiz. Im letzten Drittel hat mich die schiere Menge an Nebenhandlungen dann aber überfordert. Marty muss noch so viele kleine Aufgaben erledigen, bevor er endlich seinen finalen Sieg davontragen kann. Es passiert einfach zu viel. Ich bin am Ende aus dem Kino gelaufen und habe versucht, mich zu erinnern, was zu Beginn des Films eigentlich alles los war. Das überladene letzte Drittel trübt den Gesamteindruck spürbar. Ein strafferer Schnitt hätte dem Film gutgetan.

Szenenbild aus MARTY SUPREME - Papierfabrikant Milton Rockwell (Kevin O’Leary) - © Tobis Film
Papierfabrikant Milton Rockwell (Kevin O’Leary) – © Tobis Film

Schauspielerisch fantastisch besetzt

Wie schon gesagt: Chalamet trägt den ganzen Film mühelos auf seinen Schultern. Er spielt Marty mit einer Mischung aus jugendlicher Arroganz und überspielter Unsicherheit. Auch Koto Kawaguchi als stoischer Tischtennis-Gegner hat mir gefallen. Paltrow spielt Kay Stone routiniert. Sie füllt die Rolle der desillusionierten Ex-Schauspielerin solide aus. Ich hatte aber nicht das Gefühl, dass sie sich besonders an ihrer Rolle abgearbeitet hätte. Anders sieht es bei Odessa A’zion aus. Als Martys schwangere Freundin Rachel bekommt sie auch vom Drehbuch deutlich mehr zu tun. A’zion ist ein unverbrauchtes Gesicht, dem man gerne dabei zusieht, wie es zwischen Verletzlichkeit und Sturheit hin- und herpendelt. Rachel ist auch die Einzige, die Marty wirklich durchschaut, und A’zion spielt das mit einer Energie, die richtig Spaß macht. MARTY SUPREME ist ein wilder, energiegeladener Film mit einem herausragenden Timothée Chalamet in der Hauptrolle. Wer sich auf Martys chaotische Reise einlässt, wird trotzdem gut unterhalten.

7.5/10

Bewertung: 7.5 von 10.

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