Wie bringt man einen realfantastischen Roman auf die Theaterbühne? Regisseurin Jette Steckel hat sich zusammen mit ihrem Schauspielensemble der Münchner Kammerspiele an den Roman MEISTER UND MARGARITA von Michail Bulgakow gewagt. Dass den Beteiligten ein außergewöhnlicher Theaterabend gelungen ist, der mich wirklich mehrere Tage beschäftigt hat, tröstet ein bisschen über die Schwächen des Abends hinweg. Kurz zur Geschichte: Der Teufel Woland (Wiebke Puls) taucht im Moskau der dreißiger Jahre auf. Zusammen mit seinen beiden Gehilfen, dem schwarzen Riesenkater (Elias Krischke) und dem Zeremonienmeister Fagott (Christian Löber), wirbelt er die Metropole gehörig durcheinander. Das Trio entlarvt korrupte Gier, Verrat und Heuchelei. Es trifft dabei auf den Literaturfunktionär Berlioz (Martin Weigel), der das Aufeinandertreffen nicht überleben wird. Verschont werden nur Margarita (Linda Pöppel) und ihr Geliebter, der Meister (Thomas Schmauser). Der Meister hat einen verbotenen Roman über den römischen Prokurator Pontius Pilatus (Edmund Telgenkämper) geschrieben. Als größte aller Sünden benennt er darin die Feigheit. Diese attestiert Jeschua (Erwin Aljukić) seinem Richter Pilatus, der wider besseren Wissens das Todesurteil bestätigt.

1. Das Rollkoffer-Ballett
Wenn man nach über 2 Stunden Theater in eine Pause entlassen wird, ist man erstmal erschlagen. Erschlagen von einer Vielzahl an Geschichten und Facetten, verschmolzenen Zeitebenen, Textfragmenten, Musikstücken, Lichtwechseln und Eindrücken. Ich hatte in der Pause plötzlich einen starken Bewegungsdrang. Treppen runter, Treppen rauf und eine Runde im Innenhof an der frischen Luft. Beine vertreten. Den Kopf freibekommen, der gerade noch versucht zu analysieren, was ich da alles zu sehen bekommen habe: ein tanzendes Rollkoffer-Ballett, eine sprechende, schwarze Katze und ein verzweifelter Pontius Pilatus. Ich habe MEISTER UND MARGARITA, also die Romanvorlage, vorher nicht gelesen. Vielleicht hat das geholfen, weil ich mich vorbehaltlos auf den Abend einlassen konnte. An manchen Stellen hat es aber auch die Dinge erschwert. Ohne Einführung, einzig und allein mit dem Programm in der Hand ist man schon ein bisschen verloren.

2. Die Zaubershow
Nach der Pause beginnt der Abend mit einem Kartentrick und einer Live-Hypnose. Plötzlich hat MEISTER UND MARGARITA etwas von einer Zaubershow. Wiebke Puls zieht sich einen ahnungslosen Zuschauer aus dem Publikum und hypnotisiert ihn. Am Ende kann der Zuschauer noch nicht einmal seinen Namen sagen. Es ist eine längere Sequenz. Und wohl auch eine, die in der Kritik zu dem Abend auch am häufigsten kritisch besprochen wird. Manche Zuschauerinnen und Zuschauer sind felsenfest davon überzeugt, das sei ein Statist, und die Hypnose sei nur gespielt. Andere stören sich daran, dass man die Hypnose überhaupt eingebaut hat, da diese Sequenz vergleichsweise lange dauert. Der Punkt, den man offenbar seitens der Regie damit machen wollte, war, das der Autor „der Meister“ keinen Vor- und Nachnamen hat. Ein namenloser Künstler, der an diesem Abend vor einem namenlosen Publikum spielt. Und so faszinierend das zweifellos alles ist, frage ich mich auch, ob es für dieses Argument wirklich diese ausgedehnte Sequenz gebraucht hat. Ich bin mir da mit mir selbst noch nicht ganz einig.

Eine Geschichte in einer Geschichte in einer Geschichte
Zweiter, wiederkehrender Kritikpunkt sind die vier Stunden Spielzeit. Die einen finden, die vier Stunden vergingen kurzweilig, die anderen hätten gerne den Abend gekürzt. Ich gehöre zur zweiten Kategorie. Die Hypnose in der zweiten Hälfte ist durchaus beeindruckend und ich saß auch wirklich fasziniert davor, aber die Szene ist zu lang. Die Regisseurin nutzt die Geschichte von Pilatus und Jesus als Anspielung auf das Verhältnis eines Autors zu seinem Unterdrücker: Pilatus als Referenz auf den russischen Diktator Stalin und Jeschua wird mit dem Autor Bulgakow gleichgesetzt, der vom Regime ein faktisches Berufsverbot bekam. Die Regisseurin verwebt die Biografie des Autors mit der Romanfigur des Meisters und baut Texte aus Bulgakows Tagebüchern und Briefen hinzu. So entsteht ein Matroschka-Effekt: eine Geschichte, versteckt in einer Geschichte, versteckt in einer Geschichte. Lobende Erwähnung verdient auch das Bühnenbild von Florian Lösche. Eisenketten hängen von der Decke und geben räumliche Begrenzungen vor, die aber dadurch auch etwas Durchlässiges haben. Zusammen mit dem atmosphärischen Lichtdesign von Maximilian Kraußmüller entsteht ein packender Raum. Dazu kommen auch besondere Live-Elemente: Einzelne Szenen werden draußen auf der Straße vor dem Theater gespielt und direkt in den Saal gestreamt.

Ein teuflisch starkes Ensemble
Richtig stark ist das Zusammenspiel von Edmund Telgenkämper als zweifelndem Pontius Pilatus und Erwin Aljukić als unschuldig verurteiltem Jeschua, der dem Stadthalter gehörig ins Gewissen redet. Zu Beginn stehen sie nahezu allein auf der Bühne und führen packend in die Geschichte ein. Und sie verhandeln dabei den wohl wichtigsten Punkt des Romans: Die größte aller Sünden sei die Feigheit. Dieses Motiv findet sich auch bei Thomas Schmauser. Er überzeugt als der verzweifelte, zunehmend kränkliche Autor Meister und Stellvertreter-Figur für Bulgakow. Etwas blass bleiben dagegen Linda Pöppel als Margarita und Martin Weigel als Literaturfunktionär Berlioz. Nicht, weil sie schlecht spielen, sondern weil ich den Eindruck habe, dass sie zu wenig zu tun haben. Elias Krischke hat dieses Problem nicht. Er hat sichtlich Spaß an seiner Rolle als schwarzer Kater und im Zusammenspiel mit dem Publikum. Christian Löber als Fagott gelingt es nicht immer, die gleiche Intensität wie sein dämonischer Kompagnon zu erreichen. Wiebke Puls spielt den charismatischen Teufel mit diebischer Freude. Woland bezeichnet sich als Humanisten und Unterstützer der Menschheit. Und das nimmt man Puls auch ab. Woland ist kein Teufel, der möchte, dass die Menschheit in ihr Verderben rennt. Er hat auch eine verführerische, fast warmherzige Seite.

Erschlagen
Die Schlussszene des Abends hat mich dann nochmal emotional abgeholt. Bilder von Künstlerinnen und Künstlern, die weltweit im Gefängnis sitzen oder ein Berufsverbot haben, werden gezeigt. Dazu singt das Ensemble „Burning Moonlight“ von Marianne Faithfull. Am Ende steht eine Widmung: „Dedicated to all artists in isolation.“ Dieser Satz bringt Bulgakows Geschichte direkt in die Gegenwart. Er erinnert daran, dass Kunst unter Repression kein Phänomen aus vergangener Zeit ist, sondern immer noch ein hochaktuelles. Es ist wirklich schon lange her, dass ich völlig erschlagen aus einem Theaterabend herausging und gleichzeitig nicht schlafen konnte. Ich könnte noch viel mehr über diesen Abend erzählen. Es steckt wahrscheinlich auch noch so viel mehr drin. MEISTER UND MARGARITA ist definitiv ein Erlebnis gewesen. Und bei anderen Theaterabenden dieser Art hätte ich mir noch einmal eine Karte gekauft und wäre wahrscheinlich nochmal ins Theater gegangen, um das Stück voll und ganz verstehen zu können. Das werde ich aber in diesem Fall nicht tun, weil mich tatsächlich die Länge davon abhält. Ich habe mir das Stück aber als Hörbuch zugelegt. Hier kann ich pausieren, einzelne Passagen wiederholen und die Geschichte in aller Ruhe verarbeiten. Lieber so als ungefiltert auf mich einzuprasseln zu lassen.
Gesehen am 13.04.2026 in den Münchner Kammerspielen
8.5/10



