Ferenc Molnárs Klassiker LILIOM hat am Wiener Burgtheater eine Neuinterpretation erfahren. Film- und Theaterregisseur Philipp Stölzl gibt damit seinen Einstand an der Burg. Und stellt gleich einiges um. Erstmalig wurde die Rolle des Liliom mit einer Frau besetzt. Liliom (Stefanie Reinsperger) arbeitet als Ausrufer beim Karussell von Frau Muskat (Franziska Hackl) im Vergnügungspark. Er ist laut, grob und doch ein unwiderstehlicher Vorstadt-Casanova. Schließlich verliebt sich die unangepasste Julie (Maresi Riegner) in ihn. Doch Lilioms Leben gerät aus den Fugen. Ein Freund (Sebastian Wendelin) überredet ihn schließlich zu einem Raubüberfall. Der geht jedoch gründlich schief. Am Ende kommt ihm nichts und niemand zu Hilfe – nicht einmal der Himmel.

Das Pferd von hinten aufzäumen
Thomas Jonigk und Philipp Stölzl haben die Handlung in ihrer Bearbeitung clever umgestellt. LILIOM wird von hinten erzählt. Der namensgebende Protagonist erwacht desorientiert im Jenseits und erfährt, dass er sich selbst umgebracht hat. Warum, weiß er nicht. Erst nach und nach enthüllen Rückblenden die tragische Geschichte. Das funktioniert erstaunlich gut und holt auch Zuschauer ab, die den Stoff nicht kennen. Die Geschichte hat schon einige Jahre auf dem Buckel. Der Stoff ist 1909 in der Endphase der Österreichisch-Ungarischen Monarchie entstanden. In einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs, in der sich arme und ausgebeutete Menschen langsam zu emanzipieren begannen. Das Stück hat mich mit seiner Mischung aus Tragik und Komik sofort gepackt. Die Figuren wirken auf Anhieb sympathisch, obwohl oder gerade weil sie so fehlbar sind. Diese Mischung aus dem typisch trocken-derben, österreichischen Humor und der Tragik der Handlung unterhält.

Auf der einen Seite… auf der anderen Seite…
Stefanie Reinsperger, die beim Schlussapplaus sichtlich erschöpft wirkte, spielt hier absolut fantastisch. Alles andere hätte mich auch gewundert. Sie gibt alles, wirft sich in diese Rolle, stolpert und kraxelt in der verdorrten Graslandschaft herum. Dennoch hat mich diese Interpretation nicht ganz so umgehauen wie in ELISABETH. Das liegt weniger an Reinsperger selbst als an der Figur. Es wird viel herumgebrüllt. Liliom wiederholt gebetsmühlenartig, er sei kein Hausmeister. Doch warum er sich nicht ändern kann, obwohl ihm mehrere Alternativen angeboten werden, bleibt nebulös. Er scheint in seiner eigenen Haut gefangen, ohne dass die Inszenierung dies psychologisch ausreichend erklärt. Das Ruppige, vielleicht sogar Gefährliche, das diese Figur ausstrahlen sollte, bringt Reinsperger nicht hundertprozentig herüber. Dazu ist sie einfach zu sympathisch. Auch das Verhältnis zu Frau Muskat hat sich mir nicht sofort erschlossen. Dass sie seine Affäre ist, habe ich erst hinterher gelesen. Hier hätte die Regie ruhig etwas deutlicher werden dürfen.

Zum Eintauchen
Philipp Stölzl hat hier nicht nur Regie geführt, sondern auch das Bühnenbild gestaltet. Das ist ziemlich beeindruckend. Eine hügelige Graslandschaft aus rissiger Erde erstreckt sich über die gesamte Bühne. Darauf wächst trockenes Gestrüpp. Darüber hängt ein diesiger Himmel. Wer vorne im Cercle sitzt, also in den ersten vier Reihen noch vor dem Parkett, hat das Gefühl, dieses Bühnenbild würde über dem Zuschauerraum ausgekippt werden. Und ein bißchen erschlagen hat mich auch dieser Abend. LILIOM am Burgtheater ist definitiv ein Theaterabend, der sich lohnt. Schauspielerisch lassen die Schauspielenden, völlig egal ob Haupt- oder Nebenrolle, keine Wünsche offen. Zusammen mit Stölzls überwältigender Bühne ergibt das ein stimmiges Gesamtpaket. Aber ein paar dramaturgische Schwächen gibt’s dann doch. Die Motivation der Hauptfigur bleibt stellenweise unklar. Manche Beziehungskonstellationen erschließen sich nicht sofort. Doch die emotionale Wucht gleicht das weitgehend aus.
Gesehen am 2. Januar 2026 im Burgtheater
8.5/10



