Das Theater St. Gallen hat sich an Washington Irvings berühmte Kurzgeschichte DIE LEGENDE VON SLEEPY HOLLOW und an die Adaption von Philipp Löhle gewagt. Regisseurin Barbara-David Brüesch macht daraus einen musikalischen, bildgewaltigen Abend, der trotzdem nicht so ganz weiß, worauf genau der Schwerpunkt der Handlung liegen soll. Aber zunächst einmal zur Geschichte: Im verschlafenen Tarrytown des Jahres 1820 spukt es gewaltig. Der neue Schulmeister Ichabod Crane (Yascha Finn Nolting) glaubt fest an Wissenschaft und Vernunft. Doch im abgelegenen Tal am Hudson River zweifelt er bald an seinem eigenen Verstand. Nicht nur treibt hier angeblich der Geist eines kopflosen hessischen Söldners aus dem Unabhängigkeitskrieg sein Unwesen, auch sein Vorgänger ist spurlos verschwunden. Während Ichabod versucht, den abergläubischen Dorfbewohnern die Aufklärung nahezubringen, wirbt er gleichzeitig um die wohlhabende Katrina van Tassel (Pascale Pfeuti). Dabei konkurriert er mit dem rauen Brom Bones (Jonathan Fiebig) und macht schließlich selbst Bekanntschaft mit dem gefürchteten Reiter ohne Kopf. Die Dörfler warnen eindringlich: Wer zu viel denkt, verliert den Kopf – denn der kopflose Söldner sucht seit seinem Tod nach einem neuen, klugen Kopf als Ersatz.

Hessisch zum Einstieg
In aller Ausführlichkeit wird die Vorgeschichte vom hessischen Soldaten, der später zum kopflosen Reiter wird, erzählt – und das auf Hessisch. Das kann durchaus für den einen oder anderen dialektbedingten Schmunzler sorgen. Ich fand das aber unnötig langatmig. Man hätte DIE LEGENDE VON SLEEPY HOLLOW durchaus inhaltlich straffen können, wenn Ichabod Cranes Ankunft im Ort direkt den Auftakt des Abends gebildet hätte. Die Dorfbewohner hätten die Gruselgeschichte vom kopflosen Reiter selbst erzählen können. Philipp Löhle hat die bekannte Geschichte, die viele sicher aus Tim Burtons Verfilmung kennen, als moderne Parabel über Kopflosigkeit adaptiert. In Tarrytown möchten die Einwohner lieber dumm bleiben. Denn wer zu viel denkt, verliert den Kopf – wortwörtlich.

Bildgewaltiges Bühnenbild mit Grusel-Atmosphäre
Besonders stolz war man bei der Stückeinführung darauf, dass man den Text musikalisch angereichert hat. Aber auch hier war für mich nicht unbedingt eine klare Linie erkennbar. Viele Songs mischen wild Deutsch und Englisch durcheinander – teilweise sogar innerhalb eines einzigen Satzes. Gleichzeitig laufen Übertitel in beiden Sprachen mit. Warum hat man sich nicht für eine Sprache entschieden und diese dann ordentlich übersetzt? Umso mehr konnte stattdessen die Bühne von Alex Gahr beeindrucken. Holzbaracken in Westernoptik prägen die Szenerie, während der Frauenchor mit orangenen Lampions im Hintergrund für stimmungsvolle Momente sorgt. Nebel wabert über die Bühne, raffinierte Lichtakzente und Farbwechsel verwandeln den Bühnenraum immer wieder neu. Projektionen und praktische Gruseleffekte, wie ein Schaukelstuhl, der plötzlich von alleine zu wippen beginnt, verstärken die Grusel-Atmosphäre.

Ein Fremdkörper im perfekten System
Besonders spannend wird es, wenn das Stück die Frage aufwirft, warum sich Ichabod überhaupt in dieses funktionierende System drängen muss. Man denkt dabei an Parallelen zu christlichen Missionaren, die indigene Völker zwangsaufklären wollten. Ichabods nicht ganz platonisches Interesse an Katrina verstärkt diesen Eindruck noch. Er möchte das ungebildete, hübsche Mädchen bekehren und im doppelten Wortsinn belehren. Die Aussicht auf Heimat und Besitz lassen den Lehrer zunehmend „kopflos“ agieren. Durch den gesamten Abend zieht sich die Frage: Was aber, wenn die Dorfbewohner recht haben? Wenn sie einen guten Grund hätten, dumm zu bleiben? Was, wenn der Kopflose Reiter wirklich existiert? DIE LEGENDE VON SLEEPY HOLLOW kann sich nicht entscheiden, was es sein will. Für eine Komödie sind die Witze zu spärlich gesät, für eine Horrorgeschichte fehlt der echte Grusel. Die Stimmung im Saal war auch etwas verhalten. Dabei können die St. Gallener durchaus anders – das konnte ich an Silvester bei der ROCKY HORROR SHOW sehen.

Engagiertes Ensemble
Es ist wirklich schade um das engagierte Ensemble, das sich sichtlich bemüht, aus dem Material das Beste herauszuholen. Yascha Finn Nolting gibt seinen Ichabod Crane mit bewusstem Overacting. Er erinnert tatsächlich an Johnny Depp, allerdings weniger an dessen Version des Ichabod als vielmehr an Captain Jack Sparrow mit seinen übertriebenen Gesten. Körpereinsatz wird von ihm reichlich gefordert. Einmal fällt er sogar der ersten Reihe vor die Füße. Ein interessanter Meta-Moment entsteht, wenn plötzlich das Saallicht angeht und Ichabod die „Menschen“ bemerkt, die zur Bühne starren. Die Darsteller der Dorfbewohner meistern den Spagat zwischen gespielter Dummheit und unterschwelliger Bedrohung durchaus gekonnt. Besonders der Frauenchor schafft mit seinen atmosphärischen Auftritten stimmungsvolle Momente. Die Schweizer Erstaufführung wollte aus der amerikanischen Gruselstory einen theatralen Spuk für die Gegenwart machen. Entstanden ist aber eher eine Gespenstergeschichte, die zwischen zu vielen Stühlen sitzt und nicht so recht auf den Punkt kommt. DIE LEGENDE VON SLEEPY HOLLOW bietet durchaus unterhaltsame Momente und wirft grundsätzlich auch kluge Fragen auf. Doch am Ende bleibt das Gefühl, dass hier Potenzial verschenkt wurde.
Gesehen am 26. Oktober 2025 im Theater St. Gallen
6.5/10



