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Kritiken zu Filmen, Serien und NT Live-Übertragungen

Filmwissen

Über Filme schreiben

Eine Schreibanleitung (oder zumindest der Versuch davon)

Ich habe einige Bücher hierfür gewälzt. Wer wissen will welche und wie lesenswert die einzelnen Werke sind, findet am Ende meiner Auflistung  eine Literaturliste mit kurzen Inhaltszusammenfassungen und Wertungen.

Grundsätzliches

Auch wenn das gerade bei Internetkritiken gang und gäbe ist, wird eine Filmkritik normalerweise nicht in der Ich-Form geschrieben. Ausnahmen bilden wichtige, aber auch nur wirklich GANZ WICHTIGE Filmkritiker und die Sonderformen der Filmkritik, die ich unten aufgelistet habe (siehe 5).

Filme rezensieren […] ist eine journalistische Fähigkeit und muß wie jede komplexe Tätigkeit eingeübt werden. […] Wer Filme rezensieren will, kann allenfalls die wenigen Standardeinführungen in den Journalismus lesen und findet dort auch nur zwei oder drei  Sätze zu Rezensionen im allgemeinen. […] Wer das Rezensieren von Filmen  erlernen möchte, ist in der Regel hilf- und ratlos.“ Gernot Stegert, S. 7 f.

Welche Prinzipien des Rezensierens gibt es?

Alle entnommen aus Gernot Stegerts „Filme rezensieren in Presse, Radio und Fernsehen„, Kapitel 1.3 Prinzipien des Rezensierens, S. 38-48

Wahrheit: „Behaupte nur Überprüfbares! Lege kein falsches Verständnis nahe! Färbe selbst das nebensächlichste Detail nicht ein, nur damit es in das Bild paßt!“

– Verständlichkeit: „Knüpfe an das Sprach- und Sachwissen deines Publikums an! Je weiter der Adressatenkreis, desto mehr gilt: Rezensiere klar und strukturiert, genau und anschaulich.“

– Relevanz: „Geh auf deinen Partner [Anm. der Autorin: Leser, Zuhörer…] ernst, sage ihm nur, wovon du zu Recht annehmen kannst, daß es für ihn wichtig ist.“

– Informativität: „Informativität setzt Relevanz voraus. Konkret bedeutet das: ‚Mache deinen Beitrag so informativ wie notwendig; sag nicht mehr und nicht weniger!‘ Vermittle möglichst viel relevantes Wissen!“

– Transparenz: „Nenne deinen Namen, deine Informationsquellen (z.B. Handbücher, Pressehefte der Verleihfirmen oder andere Rezensionen) und kennzeichne Abgeschriebenes als Zitat[…]! Mache Aspekte und Maßstäbe deiner Bewertung erkennbar!“

– Kritik: „Die Aufforderung ‚Sei kritisch! oder erst recht ‚Sei kritischer!‘ ist fast immer die Reaktion auf zu positiv empfundene Beiträge. Mit solchen Äußerungen wird nicht einfach Negatives eingeklagt, sondern eine gründliche Auseinandersetzung mit den rezensierten Film, eine wohlüberlegte Position und dadurch ein Gegengewicht zur aufwendigen Filmwerbung. So heißt es: Gebe dich nicht zu schnell zufrieden! Beziehe Stellung! Sage deine Meinung!“

– Unterhaltung: „Die Aufforderung ‚Rezensiere mit Witz und Pepp‘ ist heute so alt wie es bald die Adjektive ’schrill‘ und ‚hip‘ sein werden. Und immer noch wird zur ‚flotten‘ Sprache wie Spreche aufgefordert. Dabei ist der Ausdruck ‚flott‘ längst nicht mehr flott, sondern lahm wie der Ausdruck ‚lahm‘.“

– Stil: „Generelle konkrete Auffforderungen sind […] nur schwer zu formulieren. […] Übereinstimmend heißt es aber meist: Schreibe oder spreche flüssig, lebendig, treffend und anschaulich, abwechslungsreich und spannend, mit Kraft und Klang! Buch und Block

1. Der Einstieg

– filmorientiert: Anfangssequenz beschreiben, Szene von zentraler Bedeutung skizzieren, Ereignisse in der Filmhandlung oder Unterthemen nennen, die Geschichte zusammenfassen, den Film einordnen, deuten oder werten. Sowohl ein großer Überblick (z.B. Dieser Film ist ein angsteinflößender Thriller, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt.) oder eine Nahaufnahme (z.B. In ihren Gesichtern spiegelt sich das blanke Entsetzen.) ist möglich.

– themaorientiert: den Themenhintergrund des Films erläutern. Dies bietet sich z.B. bei weltpolitisch relevanten Filmen an. (z.B. Ende 2007 trifft Daniel Domscheit-Berg zum ersten Mal auf Julian Assange. THE FIFTH ESTATE ergründet diese Freundschaft, die langsam zerbrach.) ⇒ ähnlich auch: der hintergrundorientierte Einstieg: Aufzählung geschichtlicher Zusammenhänge (z.B. In den letzten Kriegstagen starben viele Menschen einen grausamen Tod. Diese Brutalität des Krieges zeigt drastisch der neue Film von XY…), Vorlage des Films wie Roman, Theaterstück oder tatsächliche Begebenheit, Einordnung in die Filmproduktion eines Landes (z.B. Australische Filme haben es hierzulande schwer. Dass Film XY ein solcher Publikumsliebling wurde, ist deshalb schon ein kleines Wunder.)

– titelorientiert: Erläuterung eines für die Mehrheit unverständlichen Filmtitels. Der Titel kann aber auch für ein Wortspiel benutzt werden oder als Ausgangspunkt für eine Beschreibung. (z.B. Der Filmtitel MAPS TO THE STARS bezieht sich auf die Karten, die LA-Touristen erwerben können um sich Promi-Villen anzusehen.)

– personenorientiert: Zitat eines Regisseurs, Schauspielers oder Kameramanns, Vorstellung einer Person, Film mit Vorgängerfilmen vergleichen und einordnen (z.B. Wes Andersons neuster Streich ist wesentlich ernsthafter als noch seine vorherigen Filme.) Nach Möglichkeit sollte eine Person aber nur dann zum Einstieg genutzt werden, wenn es wichtig für die Rezension als solche ist.

-produktionsorientiert: Details zur Entstehungsgeschichte des Films, den Dreharbeiten, Finanzierungsproblemen und ihre Folgen. Achtung: Führt in der Regel vom Film weit weg, daher nie den Bezug zum eigentlich Film verlieren!  ⇒ähnlich auch: distributionsorientiert: Schwierigkeiten beim Finden eines Filmverleihs, Marketingstrategie des Verleihs, Bezug auf Kinowerbung/Trailer, Franchise, Premierenfeie…

– rezeptionsorientiert: Eingehen auf die bisherige Rezeption des Films (z.B. in Amerika wurde er bereits von den Kritikern zerrissen) oder auf die besuchte Vorstellung (z.B. Das Publikum im Berlinalepalast erhob sich applaudierend von den Sitzen). Die Meinung anderer kann auch dazu genutzt werden um die eigene Meinung deutlich zu machen und Kritikpunkte zu relativieren oder hervorzuheben.

– rezensentenorientiert: der Rezensent beschreibt sein persönliches Erleben des Films (z.B. Völlig erschlagen kommt man aus dem Kino und weiß zunächst nicht was man von dieser Bildgewalt halten soll.), Erwartungen des Rezensenten an den Film, auf Probleme des Rezensierens hinweisen. Achtung: Hier besteht die Gefahr völlig abdriften (hier mal ein gelungenes Negativbeispiel von mir). Beim Film bleiben!

2. Hauptteil
Filmdaten

Wie viel Filmdaten (Filmtitel, evtl. Originaltitel, Name des Regisseurs, Laufzeit, Produktionsjahr, Darsteller, Verleih usw.)  man in seiner Filmkritik erwähnt und wie man diese anordnet (entweder im Fließtext oder als „Kasten“ neben oder unter dem Text), bleibt jedem selbst überlassen. Allerdings sollte sicher gestellt werden, dass der Leser den Film einwandfrei zuordnen kann. Dies funktioniert in der Regel ganz gut, indem man Filmtitel, Produktionsjahr und Regisseur nennt.

optional: Mitarbeitende Personen

Die Strategie des Personalisierens um dem Leser ein Thema näher zubringen, ist möglich. Allerdings sollte man dabei den Film nicht vergessen. Mögliche Sujets sind beispielsweise der Regisseur, ein oder mehrere Schauspieler, der Drehbuchautor, der Produzent, die Kameraleute oder der Komponist. Möglich wäre auch die Skizzierung der Karriere eines Filmschaffenden oder Charakteriska (z.B. wenn ein Regisseur immer mit den gleichen Leuten arbeitet.). Weitere – wenn auch weniger dankbare – Themen wären auch der Cutter, Toningenieure, Ausstatter, Kostümbilder, Setdesigner, Dazu sollte man natürlich über das nötige Hintergrundwissen verfügen.

Inhalt und Form des Films

– Personen des Films (Figuren): Hierbei geht es um eine Beschreibung der dargestellten Figuren. Merkmale können ihr Aussehen, Handeln, ihre Gedanken, ihre Mimik und Gestik, Psyche, ihr Verhalten anderen Figuren gegenüber, Reaktion anderer Figuren auf sie,  Typ/Stereotyp (z.B. der einsame Held), Konstellationen (z.B. Vater-Mutter-Kind) und die Rollenverteilung (Haupt-/Nebenrollen) sein.

– Filmhandlung: Hierbei geht es um die Beschreibung der Handlung. Beispielsweise wo der Film spielt, was die Ausgangssituation ist, zu welcher Zeit der Film spielt, welche Ereignisse, Situationen und Szenen vorkommen, Schlüsselmomente und Wendepunkte und wieviele Handlungsstränge es gibt und wie diese angeordnet sind (Parallelgeschichte).

– Darstellung der Personen im Film (Figuren): Hier geht esum die Schauspieler und wie sie ihre Rollen verkörpern. Kriterien sind z.B. Mimik, Gestik, Bewegung, wie die Figuren vorgestellt werden, mit welchen Mitteln die Figuren im Film charakterisiert werden, Häufigkeit von Mono- und Dialogen.

– Inszenierung: Hauptsächlich geht es dabei um die sogenannte Mise-en-scène, die filmische Inszenierung. Untersuchungsobjekt sind dabei Kostüme und Maske, Requisiten/Props; Objekte, die eine besondere Bedeutung für den Film haben (z.B. der Zauberstab von Harry Potter); Kulisse, Beleuchtung (High-Key, Normalstil, Low-Key, verzerrte oder unnatürliche Farbgebung), Farbe/Farbsymbolik, Komposition (wie Objekte vor der Kamera angeordnet sind) oder Spezialeffekte.

– Montage: Ton-Bild-Montage, Montageform (Parallel editing, Cross-cutting, Jump cut, shot-reverse-shot…),

– Ton: Einsatz von Filmmusik und Geräusche (z.B. Voice-over, Stimme aus dem On oder Off), Tonlage, Lautstärke und Tempo von Stimmen, Funktionen der Geräusche (z.B. Angst beim Zuschauer auslösen) und die Tonmischung.

– optional: Bild: Filmmaterial, Kameraobjektiv, Belichtung, Einstellungsgröße, aus welcher Perspektive Objekte aufgenommen werden, Einstellungslänge, Kamerabewegung und Kadrierung.

– optional: Produktion und Distribution: siehe dazu produktionsorientierter und distributionsorientierter EinstiegKugelschreiber

3. Strukturierung

– chronologisch: Der Rezensent folgt mit seiner Kritik dem Filmverlauf. Er beginnt also mit der Anfangsszene und fängt an den Film zu beschreiben und zu bewerten.

– nach Themen: Der Rezensent behandelt nacheinander die verschiedenen Themenfelder des Films, deutet und bewertet diese.

– nach funktionalen Bausteinen: Die Rezension ist grob geordnet durch funktionale Bausteine wie Berichten, Beschreiben, Erzählen, Einordnern, Deuten und Bewerten.

4. Formulierung und Sprache

Wichtig ist eine korrekte Rechtschreibung und eine klare Ausdrucksweise, damit der Leser dem Rezensenten folgen kann. Dabei ist es wichtig bewertende Worte und Ausdrücke zu verwenden, welche die Haltung einwandfrei bezeichnen. Hier ein paar Beispiele: vom Filmbesuch abraten, ärgerlich, daneben, enttäuscht, Flop, gelungen, grandios, großartig, frustrierend, makellos, Meisterwerk, Glanzstück, mittelmäßig, passabel, peinlich, Pleite, schlecht, schwach, sehenswert, stark, überzeugend, verunglückt, wunderbar…  Elementar ist dabei auch eine Begründung für die eigene Meinung zu geben und nicht einfach nur zu schreiben „Es ist kitschig“. Warum ist es kitschig? Woran liegt es genau: an den Darstellern, an der Geschichte, an der Inszenierung…?

Interessant ist auch Stephan Porombkas Ansatz einfach mal ein paar schlechte Kritiken zu lesen um aus den Fehlern anderer zu lernen. Dazu empfiehlt er besonders Onlinebewertungsportale.

5. Sonderformen der Filmkritik

Es gibt keine genauen Vorgaben für eine Filmkritik. In der Regel werden sie aber als Fließtext in Zeitungen und Fachzeitschriften abgedruckt, in denen die Autoren  aufgrund der Seitengröße eine bestimmte Zeichenanzahl nicht überschreiten dürfen. Internet-Filmkritiken haben den Vorteil nicht an eine bestimmte Zeichenzahl oder ein Format gebunden zu sein.  Folgende „Formate“ wären ebenfalls denkbar:

100- oder 1000-Wort-Kritik, 1-Satz-Kritik, SMS-Kritik (160 Zeichen),  Tagebucheintrag, Gedicht, Auflistung (z.B. Film als Rezept), Brief an den Regisseur oder an einen Schauspieler, Minutentexte (Beschreibung einer einzelnen Filmminute, meistens in Verbindung mit anderen Filmkritikern)


 Quellen und Literaturempfehlungen:

Einfache Sprache, verständlich rübergebracht, zahlreiche Beispiele, Grundthese, die sich durch das ganze Buch zieht: „Du musst Ahnung haben über was du schreibst“: Porombka, Stephan: Kritiken schreiben: Ein Trainingsbuch, ISBN-10: 3825227766

Eher abstrakte, aber ausführliche Zusammenfassung über das Rezensieren mit wenigen Filmkritiken als Beispiele: Stegert, Gernot (1993): Filme rezensieren in Presse, Radio und Fernsehen, ISBN-10:  3805823568

Critic.de: 10 Leitsätze der Filmkritik

Überprüfung der Lesbarkeit auf www.leichtlesbar.ch

„So la-la“-Bücher:

Keine Schreibanleitung, aber Definition von Fachbegriffen (teilweise mit Filmstills), die bei der Kritik helfen können. Obwohl das Büchlein für Schüler konzipiert ist, schweift der Text gerne mal ab und zitiert klassische Filmbeispiele von Anno-Dazumal, die Schüler wahrscheinlich nicht kennen: Beicken, Peter (2011): Kompaktwissen: Wie interpretiere ich einen Film?, ISBN-10: 3150152275

„Wälzer“ mit 480 Seiten über Satzbau und Wortverbindungen mit zahlreichen Beispielen, allerdings kein Kapitel zur Rezension: Kurz, Josef (Hrsg.) (2010, 2. Ausgabe): Stilistik für Journalisten, ISBN-10: 3531924923

Zusammenstellung aus Essays und Vorträge über die Geschichte bzw. Entwicklung der Filmkritik in Deutschland; theoretisch, aber nicht langweilig; keine Schreibschule: Grob, Norbert und Prümm, Karl (Hrsg.) (1990): Die Macht der Filmkritik. Positionen und Kontroversen., ISBN-10: 3883773530

Bücher, vor denen ich abrate:

Unglaublich trockene Lektüre, sehr theoretisch trotz Beispiele: Schalkowski, Edmund (2011): Kommentar, Glosse, Kritik, ISBN-10: 3867641404

  1. Interessanter und hilfreicher Beitrag!

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