In Zeiten des Internets kann jeder ein Kritiker sein. Ich bin darauf bereits in meinem Post „Die Filmkritik und ihre Leser“ eingegangen. Heute gibt es zum Thema Filmkritik viel Theoretisches, morgen gibt’s dann eine praktische Schreibanleitung.

Was ist die Kritik? Wer ist ein Kritiker? – Eine Sammlung von Positionen.

„People still like to quote that rather ridiculous Dave Eggers cri de coeur: “Don’t be a critic unless you’ve made a movie, or written a book, blah blah blah.” I’ve acted in two movies, does that mean I now have the right to write about acting? I don’t think it’s necessary at all. Criticism is about looking, about perception, and processing, and thinking things through and putting it on paper. That said, it’s been helpful, mainly to my critical vocabulary, to have done those things. […] So critics have to watch the actor. To quote Jules Verne, “Look, look with all your eyes, look.”  Filmkritiker und Journalist Glenn Kenny (*1959), in einem Interview von Criticwire

„Die Kritik ist nicht die Wissenschaft; diese behandelt die Bedeutungen, jene bringt welche hervor. Sie hat, wie schon gesagt worden ist, eine Zwischenstellung zwischen Wissenschaft und Lektüre. […] Die Beziehung der Kritik  zum Werk ist die einer Bedeutung zu einer Form. Der Kritiker kann nicht den Anspruch erheben, das Werk zu ‚übersetzen‘, insbesondere nicht in größerer Klarheit, denn nichts ist klarer als das Werk. Was er tun kann, ist eine bestimmte Bedeutung ‚zeugen‘, indem er sie von einer Form, die das Werk ist, ableitet.“ Philosoph und Literaturkritiker Roland Barthes (*1915, † 1980), in seinem Buch „Kritik und Wahrheit“ (1967), S. 75

„Der Film ist innerhalb der kapitalistischen Wirtschaft eine Ware wie andere Waren auch. Er wird – von wenigen Outsidern abgesehen – nicht im Interesse der Kunst oder der Aufklärung der Massen produziert, sondern um des Nutzens willen, den er abzuwerfen verspricht. […] Was vermittelt er den Publikumsmassen und in welchem Sinne beinflußt er sie? […] Die Aufgabe des zulänglichen Filmkritikers besteht nun meines Erachtens darin, jene sozialen Absichten, die sich oft sehr verborgen in Durchschnittsfilmen geltend machen, aus ihnen herauszuanalysieren und ans Tageslicht zu ziehen, das sie nicht selten scheuen. […] Er wird ferner die Scheinwelt solcher und anderer Filme mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit konfrontieren und aufzudecken haben, inwiefern diese verfälscht. Kurzum, der Filmkritiker von Rang ist nur als Gesellschaftskritiker denkbar.“ Soziologe, Filmtheoretiker und -kritiker Siegfried Kracauer(1889, † 1966), im Buch Kino. Essays, Studien und Glossen zum Film, hrsg. von Karsten Witte

„Like, people are talking about being afraid to say bad things about “Boyhood?” Who the fuck is afraid to say bad things about “Boyhood?” Who gives a shit? People say, “We need a culture that embraces dissent.” It’s not dissent! Dissent is… (impersonates old Russian Grandmother) „Dissent is when you’re living in Soviet Russia and you’re put under house arrest!“ Big fucking deal, you have a different opinion. We don’t have to embrace different opinions, it’s called arguing. It’s what we do. “Oh, poor me, I’m the only person who didn’t like ‘Boyhood.’” Just get the fuck off the cross, man, we need the wood.“ Filmkritiker und Journalist Glenn Kenny (1959), in einem Interview von Criticwire

„Ein Filmkritiker soll noch ein wenig mehr von der Technik des Films wissen: er soll selbst einmal mit einer Kamera und mit dem Projektionsapparat hantiert, ein entwickeltes Positiv in den Fingern gehabt, ein paar Atelieraufnahmen beigewohnt haben. […] Der Filmkünstler ist, im Gegensatz zu seinen Kollegen von anderen Fakultäten, so gut wie nie im Vollbesitz seiner Mittel, und so empfindet er es als ungerecht, wenn man ihn nach Leistungen beurteilt, für die andre verantwortlicher sind als er. Nun ist es zweifellos publizistische Pflicht, diese Zustände in der Filmproduktion öffentlich zu kritisieren.Medienwissenschaftler und Filmkritiker Rudolf Arnheim (*1904, † 2007), Kritiken und Aufsätze zum Film, hrsg. von Helmut H. Diederichs, Kapitel „Zur Theorie der Filmkritik“

„André Bazin […] nannte das Metier ‚unnütz‘: ‚Filmkritik zu machen ist ungefähr, wie von von einer Brücke herunter ins Wasser zu spuken.‘Medienwissenschaftler Norbert Grob (1949) und Karl Prümm (1945) im Vorwort des von ihnen herausgegebenen Buches Die Macht der Filmkritik. Positionen und Kontroversen.

„Die allgemeiner gestellte Frage ‚Was ist Kritik?‘ beantwortete Roland Barthes 1963 so: ‚Die Kritik ist Diskurs über einen Diskurs. Sie ist die ’sekundäre‘ Sprache oder ‚Meta-Sprache‘ (wie die Logiker sagen würden, die sich mit einer ‚primären‘ Sprache (oder Objekt-Sprache, ‚langage-objet‘) befaßt.‘ Dieses Problem, daß Kritik immer nur mit dem Blick auf das ganz Andere spricht, verschärft sich bei der Filmkritik. Denn sie ist nicht nur eine Meta-Sprache, sondern sie ist auch Rede in einem anderem Medium.  Der Diskurs der Filmkritik setzt einen Transfer, einen Medienwechsel voraus. Die primäre Sprache liegt hier außerhalb des Sprachlichen, Bilder müssen in Wörter, Wörter müssen in Schrift verwandelt werden. […] Filmkritik, und dies ist die allgemeinste Definition, ist eine Übersetzungsleistung.“ Medienwissenschaftler Karl Prümm (*1945) in seinem Essay „Filmkritik als Medientransfer. Grundprobleme des Schreibens über Filme“. Entnommen aus dem Buch  Die Macht der Filmkritik. Positionen und Kontroversen., S. 10 f.

„Das ist ein harter Job: Der Kritiker muss Amerika-Experte sein, wenn der Film in Amerika spielt, er muß ein Experte für die Psychoanalyse sein, wenn er in einen Woody-Allen-Film geht. Er muß, was vielleicht am schwierigsten ist, ein Humorismus-Experte sein, bevor er über den neuen Otto-Film schreibt; und im Grunde kann einer nicht einfach über Ozu referieren, ohne sich vorher eingehend mit dem anderen Verhältnis von Dargestelltem und Darstellung auseinandergesetzt haben.“ Claudius Seidl (*1959), entnommen aus dem Buch  Die Macht der Filmkritik. Positionen und Kontroversen., S. 179 f.

„Filmkritiker sind nie Meinungsmacher gewesen. Filme werden vom Publikum durchgesetzt. Kritiker haben allenfalls auf längere Sicht besser gesehen, welche Filme wichtig für die Entwicklung des Mediums waren.“ Frieda Grafe (*1934, † 2002 ), entnommen aus dem Buch  Die Macht der Filmkritik. Positionen und Kontroversen., S. 87

Funktion

Welche Funktionen hat eine Filmkritik?

(Alle entnommen aus Gernot Stegerts Buch Filme rezensieren in Presse, Radio und Fernsehen„, ab Seite 27)

  • Informations- und Servicefunktion

„Es wird von einer Rezension erwartet, daß sie dem jeweiligen Leser eine Entscheidung ermöglicht, ob er sich den rezensierten Film ansehen möchte oder nicht, und zwar nicht durch Abraten oder Empfehlen, sondern vorwiegend durch Information. Service ist für viele Kritiker und Cineasten lästig und wird zuweilen belächelt, doch eine Filmrezension ist zunächst einmal eine journalistische und keine literarische Form.“

  • Kritikfunktion/Bewertungskriterien

„Eine Rezension kann benutzt werden, um am rezensierten Film, an einzelnen Aspekten, an einer bestimmten Kunstrichtung, Kulturmode, Ideologie oder Politik Kritik zu üben. […] Umstritten sind lediglich die Bewertungskriterien und -normen. Diese sind mal ästhetisch, mal politisch, mal psychologisch und mal ethisch.“

  • Bildungsfunktion

„Neben der ‚Sichtung und Bewertung des Filmangebots‘ ist die ‚Schöpfung von Erkenntnissen‘ eine Funktion, die kaum bestritten werden wird. Fast jeder, der über Rezensionen schreibt, fördert – wenn auch nicht an erster Stelle – über die Information der Leser, Hörer oder Zuschauer hinaus deren (Weiter-)Bildung. […] Wer die Bildungsfunktion erfüllen möchte, darf nicht nur über die wichtigen Filmaspekte informieren, sondern muß das Mitgeteilte auch einordnen, muß also Fakten- und Hintergrundwissen weitergeben.“

  • Sprach- und Meinungsbildungsfunktion

„Eine Funktion von Rezensionen ist das, was Georg Seeßlen als ‚Tauschwert‘ bezeichnet. […] Dieser Tauschwert der Filmkritik besteht also darin, dem Leser gleichzeitig das Denken abzunehmen und ihm die Illusion von Denken zu geben. […] Über ihre Bewertung entscheidet der Leser, Hörer oder Zuschauer allein durch den Gebrauch, den er von einer Rezension macht. Das heißt: der kritische Ton in Seeßlens Ausführungen ist da berechtigt, wo die Auffassung des Rezensenten blind übernommen wird und als eigene ausgegeben oder sogar für die eigene Überzeugung gehalten wird. Wo die Meinung des Rezensenten dagegen Anstoß zur selbstständigen Urteilsbildung wird, hat die Sprach- und Meinungsbildungsfunktion ihren positiven Zweck erfüllt.“  

  • Agenda-Setting-Funktion

„Journalisten sichten und gewichten, wählen aus, lassen weg, setzten Schwerpunkte, geben Sichtweisen vor,  schlagen einen bestimmten Ton an usw. All das ist nicht zu vermeiden, soll die tägliche Zeitung nicht meterdick sein und die Tagesschau nicht 24 Stunden dauern. Für einen Filmrezensenten heißt das: Seine Arbeit prägt das Image eines Films und des Kinos (mit), seine Arbeit entscheidet (mit), welche Aspekte eines Films wahrgenommen und diskutiert werden, seine Arbeit bestimmt (mit), ob in einem Film eher Unterhaltung oder Aufklärung, Starglimmer oder Ästhetik gesehen wird.“

Anmerkung zu Stegert: Dies trifft hauptsächlich auf Radio, Fernsehen und Print zu. Im Online-Bereich kann es freier gehandhabt werden, weil dort „unbegrenzt“ Platz ist und es in der Regel keine Themenvorgaben gibt.

  • Unterhaltungsfunktion

„Unterhaltung in diesem Sinne ist nicht Ablenkung und Zerstreuung, sondern Anregung und Freude am ästhetisch Gelungenen. […] Kaum eine Funktion war in den letzten Jahren so umstritten. […] Wolf Donner karikiert solche Rezensenten: ‚Für eine Pointe, einen Gag, eine spektakuläre Formulierung verraten sie sofort ihre Überzeugung. Zwangsläufig landen sie oft beim Gegenteil dessen, was sie ursprünglich sagen wollten. […]‘ Erst wenn die Kür auf Kosten der Information geht, ist an die journalistische Pflicht zu erinnern.“

  • Beratungsfunktion (für den Filmemacher)

„Filmproduzenten entnehmen einer Rezension, wie das Ergebnis ihrer Arbeit erlebt, verstanden und bewertet wird. Daraus können sie Schlüsse für weitere Projekte ziehen. […] Die Beratung der Filmproduzenten sollte […] nie vorrangiges Ziel des Rezensenten sein. Der Hauptadressat einer Rezension als journalistische Form ist und bleibt das breite Publikum. Ausnahmen gelten allenfalls für sehr spezifische Fachzeitschriften. “

  • Werbefunktion

„Einen Film kann man bejubeln, weil man dadurch von der Verleihfirma für seinen Arbeitgeber eine Annonce an Land ziehen will oder weil man als Cineast der Überzeugung ist, daß der rezensierte Film ein Film ist, den ‚man gesehen haben muß‘. In beiden Fällen hat die Rezension eine Werbefunktion. […]“ Auch Filmkritiker sind Teil eines Systems aus Verleihen, Filmemachern, Buchhändlern, Verlegern und Autoren. Der Filmkritiker sollte seine Einstellung zum Film ständig prüfen.

  • Profilierungsfunktion

„Der Zeitgeist entscheidet, was gerade der Rede wert ist, und er prägt immer wieder neue Jargons und Interpretationsmuster, Schreibstile und Präsentationsformen, Finessen und Marotten. […] Profilieren kann sich nicht nur der Rezensent, sondern auch sein Presseorgan oder Sender. Jede Filmrezension ist eine Visitenkarte, für den Urheber wie für die Verbreiter.“