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Kritiken zu Filmen, Serien und NT Live-Übertragungen

Dokumentarfilm

Schindlers Häuser (OmU, 2007)

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Als der Dozent meines Kurses „Bewegte Bilder“ eine Filmkritik zu diesem Film verlangte, habe ich mich noch gefreut. Wir dürften auch einen Verriss schreiben, hat er gesagt. Das hätte mich schon stutzig machen sollen, aber gut, hinterher ist man immer schlauer. Denn zu sehen gibt es erstmal nicht viel. Ein Off-Kommentar erzählt, dass ein Gebäude nicht von seiner Umgebung abgetrennt werden kann. Es folgt gelbe Schrift auf grünem Grund – ein farbästhetischer Alptraum für die Augen. Aufgelistet werden der Name des Hauses, eine oder zwei Jahreszahlen, der Ort des Gebäudes und wann dort gefilmt wurde. Es folgen starre Kameraeinstellungen von leeren Räumen. Im Film passiert so gut wie nichts. Hier mal ein Baum, der sich im Wind bewegt. Eine Katze, die sich streckt. Feuer, das im Ofen flackert. Aber sonst wirklich nichts. Wie in einer Diashow werden diese Fast-Standbilder aneinandergereiht. Ich muss intuitiv an die Harry-Potter-Verfilmungen denken. Da gibt es auch Fotografien, die sich bewegen können, aber in denen bewegt sich auch mehr als nur ein Ast. Ansonsten sehe ich einfach nur Hecken und Regale. Ecken und Kanten. Keinerlei Narration. Keine Musik. Nada. Ich wünsche mir Martin Sonneborn herbei, der mit seiner Filmcrew eine Neuauflage seiner → Google-Home-View-Persiflage startet. Wobei, ohne Bewohner ist das total witzlos.

Hinter mir wird leise diskutiert, wann das Deutschland-Spiel gegen Algerien stattfindet, von dem von niemand weiß, dass Deutschland 2:1 gewinnen wird. Ich ertappe mich dabei wie ich mein Smartphone herausnehme und „wiki Rudolph Schindler“ eingebe.  Rudolph Michael Schindler, geboren 1887 in Wien, gestorben 1953 in Los Angeles, gilt als wichtiger Vertreter der klassischen Moderne in der Architektur. Das ist doch schonmal was; ich werde nicht dumm sterben. Ich lande dann bei Facebook. Das spricht nicht sonderlich für den Film. Ich bekomme ein schlechtes Gewissen und google „Heinz Emigholz“. Ist auch nicht besonders interessant. Ich erfahre, dass dieser Film Teil 12 einer Reihe namens „Photographie und jenseits“ ist. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie die anderen elf Filme so aussehen. Zudem erfahre ich das der Film eine Stunde und 38 Minuten lang ist. Der Film läuft noch keine 20 Minuten und ich bin schon gelangweit. Wieso sitze ich hier und sehe mir Hausansichten an? Als Installation wäre der Film toll. Da könnte man eine Weile stehen bleiben und dann wieder gehen. Aber so sitze ich hier gefesselt und habe nicht den Mut aufzustehen und zu gehen.

Ich erinnere mich an eine Diskussion, die ich kürzlich geführt habe. Die Frage war, ob man bei einem schlechten Film den Kinosaal verlassen darf, wenn die Filmcrew anwesend ist, oder ob man es aus Respekt lieber in Würde ertragen soll. Ich habe mich damals für „in Würde ertragen“ ausgesprochen, aber jetzt gerade überdenke ich meine Entscheidung.

Meine Augen wandern wieder zum Film, aber ich muss sie dorthin zwingen. Mich interessiert Architektur so gar nicht und da braucht man jetzt auch nicht die Karte spielen, dass ich an der BAUHAUS-Universität studiere und deshalb über ein Mindestmaß an architektonischem Grundwissen verfügen sollte. Ich verstehe durchaus die Idee des Filmemachers, durch die Architektur des Hauses das Leben des Bewohners nachzuempfinden, bloß leider funktioniert das bei mir so überhaupt nicht.

Ich schaue verstohlen nach links. Eine Kommilitonin spielt mit dem Handy. Gott sei Dank, ich bin nicht die Einzige, der es so geht. Ich zwinge mich wieder auf den Film zu achten. Ich sehe diese durchgestylte Wohnung, eine von der Sorte wie ich sie niemals haben werde. Ich denke an den → Gewinner des clipawards des diesjährigen Backup-Festivals. Da fährt eine Kamera die ganze Zeit durch leere Hotelgänge. Das war auch inhaltlich langweilig, aber da war wenigstens Musik dabei, richtig gute Musik.  Es erstaunt mich, dass ich nach 45 Minuten schon fast eineinhalb Seiten mitgeschrieben habe. Naja, vorne passiert ja auch nix. Vielleicht war das auch der Sinn des Ganzen. Das man mal auf andere Gedanken kommt.

Mehrere Kommilitonen verabschieden sich, aber die letzte halbe Stunde, die stehe ich jetzt noch durch. Wir sind nur noch zu viert. Drei schauen den Film, einer starrt aufs Smartphone. Zwei Minuten später schauen alle vier wieder nach vorne. Juchu, wir sind vollzählig. Die Tür geht auf, ein Mann schaut rein und bittet uns beim Gehen die Fenster zu schließen. Alle nicken andächtig. Ich möchte gerne aus dem Fenster springen, was bei einem Zimmer im Erdgeschoss auch nicht zu gravierenden gesundheitlichen Schäden führen würde. Als der Film vorüber ist, schauen wir vier uns glücklich an. Endlich ist es vorbei. Endlich dürfen wir gehen.

Interessanter Ansatz, aber definitiv zu lang (0/6)

Wer sich testweise mal → zwei Minuten dieses Films anschauen möchte, hat hier die Gelegenheit dazu.

  1. Abgefahrener Film…
    Warum filmt der Typ alles krumm und schief? Da lobe ich mir doch Kubrick mit seiner Zentralperspektive…

    Was ich nicht ganz verstehe: Andauernd bewegt er die Kamera im letzten Moment vor dem Schnitt. Immer wieder wackelt das Bild vor dem Schnitt, aber auch nicht immer. Ist das Handwerklich schlecht gemacht oder soll das so sein?

    Übrigens ich habe tatsächlich so etwas wie Musik in den ersten zwei Minuten entdecken können 😀
    Irgendwo in der Mitte beginnt ein hoher, leiser Ton immer tiefer zu werden. Dieser Ton ist über mehrere Schnitte hinweg zu hören.

    Ich glaube bei dem Film wäre ich aufgestanden und gegangen. Aber hey! Dafür ist dein Text echt gut geschrieben!

    • Mein Dozent meinte mit einem Augenzwinkern, dass dieser Film im Vergleich zu den anderen 11 sogar noch halbwegs unterhaltsam sei. Das beantwortet bestimmt auch deine Frage: Ja, das soll wohl so sein.

      Danke für dein Lob. Es kommt selten vor, dass ich während dem Sichten einen kompletten Fließtext produziere. Den musste ich dann nur noch abtippen und ein bißchen umstrukturieren. 🙂

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