Und wo ist jetzt der Skandal?

Die Fortsetzung zu Lars von Triers „Skandalfilm“ endet genauso wie Teil 1 begonnen hatte. Mit einer Schwarzblende. Beginnen tut der Film mit einem nahtlosen Übergang. Es wird nicht erklärt, wer Joe ist und warum sie in Seligmans Bett sitzt. Wer Volume 1 nicht gesehen hat, muss sich erst einmal von seinem Sitznachbarn die Handlung erklären lassen. Erstaunlicherweise ist aber der zweite Teil viel glaubhafter als noch der erste Teil, was hauptsächlich daran liegt, dass die meiste Redezeit bei Charlotte Gainsbourg liegt. Sie fokussiert sich hauptsächlich auf die Geschichte, anstatt sich wie Seligman in Gedanken und Vergleiche von Sexualität und Religion zu verlieren. Sie maßregelt ihn stärker („Das war einer Ihrer schwächeren Exkurse!“) und unterstellt ihm sogar, dass er ihr gar nicht richtig zuhöre. Häufig ist nicht klar, ob das nicht auch eine Botschaft an den Zuschauer ist, der die Geschichte wie Seligman ebenfalls zum ersten Mal hört. Auch der Witz kommt nicht zu kurz und natürlich ist dieser wieder unterhalb der Gürtellinie zu finden. So muss man über die beiden Afrikaner grinsen, die lautstark diskutieren, wer denn jetzt was in welche Körperöffnung steckt, und Joe ihren Mantel schnappt und verschwindet, während die Männer ihr Verschwinden gar nicht bemerken. Insgesamt treten die Kontraste noch stärker hervor. Auf der einen Seite ist da das Zelebrieren und Frönen der Lust, auf der anderen die Askese. Die stolze Nymphomanin sitzt dem Asexuellen gegenüber. Die Geschlagene schlägt plötzlich selbst zurück. Und da wären wir auch gleich beim Thema Verletzungen. Die Kamera hält gnadenlos auf den blutigen Hintern seiner Protagonistin, was sicherlich nicht jedermanns Sache ist.

Gleich gibt's Haue - © Concorde Home Entertainment

Gleich gibt’s Haue – © Concorde Home Entertainment

Es gibt trotz fehlender Einleitung zahlreiche Rückbezüge zum ersten Teil. Joes Vater taucht in Rückblenden wieder auf, genauso wie das „3+5“-Sexmuster.  Lars von Trier kopiert sich auch selbst, allerdings mit einem positiven Vorzeichen. Das Kleinkind, dass in Antichrist noch aus dem Fenster fiel, wird in Nymphomaniac gerade noch vom Vater gerettet. Die „Schuld und Sühne“-Thematik zieht sich immer wieder durch die Lars von Trier-Filme, auch hier. Alles hat Konsequenzen. Sei es etwa ein ausschweifendes Sexleben. Das Erschleichen von Freundschaften. Dinge zu tun oder nicht zu tun.  Das Schöne am zweiten Teil ist, dass er so viel Interpretationsspielraum lässt. Da wäre, betrachtet man das Ende des Films, ein stark feministischer Ansatz. Die Frau emanzipiert sich vom Mann, der ja eh immer nur das Eine will. Oder eher moralische Gedanken. Joe wirft ihrer Therapeutin vor, sie therapieren zu wollen um die Moral in der Gesellschaft aufrecht zu erhalten. Michel Foucault hätte an dieser „Anormalen„-Debatte seine wahre Freude gehabt. Und wer einfach nur Sexszenen sehen will, bekommt Sexszenen zu sehen. So ist für alle was dabei: vom pubertierenden Teenager bis zum Filmwissenschaftler.

Am Ende muss man sich schon fragen, was die Tatsache aussagt, dass man diesen Film im (fast) ausverkauften Kinosaal anschaut.  Den wenigsten geht es wohl um die Kunst des Filmedrehens. Es geht um den Skandal. Die Neugier am Perversen. Und genau wie Seligman verfällt das Publikum am Ende dieser Neugier.

(4.5/6)

Trailer: © Concorde