Christopher und ich – Eine Chronologie

Ich… das ist ein Wort mit dem ich nie eine Filmkritik beginnen würde. Ich wähle nie die Ich-Form. Ich kleide meine subjektive Meinung in möglichst objektive hübsche Worte, die hoffentlich da draußen irgendwem etwas über das Gesehene verraten. Ich verwende unpersönliche und sachliche Formulierungen wie „man sieht“ oder „die schauspielerische Leistung überzeugt“, auch wenn meine Dozentinnen des Seminars „Filmkritik“ das so gar nicht mögen, weil man so den eigenen Sehvorgang nicht reflektieren kann. Aber heute muss ich eine Ausnahme machen, denn dieses Mal ist es tatsächlich persönlich. Es geht um den 31. August 2012 und den 05. Juni 2014. Zwischen beiden Terminen gibt es Verbindungen. An beiden Abenden verließ ich einen Veranstaltungsort – 2012 war es das National Theatre in London, 2014 das Cinestar in Weimar. Und in beiden Fällen hatte ich ein Grinsen auf dem Gesicht und ein wohliges „Die-Welt-ist-in-Ordnung-Gefühl“ im Bauch . Der Grund war der Gleiche: The curious incident of the dog in the night-time.

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Kopie meiner Eintrittskarte

Das Stück sollte das Highlight meines einwöchigen London-Aufenthalts werden. Ich habe das Buch von Mark Haddon nie gelesen. Ich wusste auch nicht großartig, worum es inhaltlich überhaupt ging. Mir war es einfach nur wichtig, dass ein Schauspieler mitspielt, den ich bereits kenne. Einfach mal jemand Bekanntes live auf der Bühne sehen. In meinem Fall war das Una Stubbs, die Misses Hudson aus → SHERLOCK. Mein Wunschkandidat wäre ja eigentlich David Tennant (in Verbindung mit Catherine Tate) gewesen, aber dafür war ich ein halbes Jahr zu spät dran. Überglücklich war ich, als ich trotz ausverkauftem Haus noch ein „Day Ticket“ für die erste Reihe ergattern konnte. Ich hätte das Stück auch beinahe nicht gesehen, weil ich zu spät in die U-Bahn eingestiegen bin. Was bin ich gerannt. Raus aus der Tube, gerannt, gerannt, gerannt, dann noch in den falschen Eingang beim National Theatre, zum richtigen Eingang gerannt, zwei Minuten vor Beginn saß ich dann im Publikum. Außer Atem, aber extrem glücklich.

Das Stück beginnt mit einem einprägsamen Bild. Der autistische Christopher Boone (Luke Treadaway) kauert vor einem toten Hundekörper, in dem eine Mistgabel steckt. Mrs. Shears (Sophie Duval), die Besitzerin des Hundes, ruft die Polizei. Der Polizist will erfahren, ob Christopher den Hund namens Wellington getötet hat, was dieser aber vehement abstreitet. Nachdem aber auch die Polizei den „Mordfall Wellington“ nicht untersuchen will, entschließt sich Christopher dazu, den Mörder selbst zu finden.  Zunächst befragt er alle Nachbarn, unter anderem auch die ältere Dame Mrs. Alexander (Una Stubbs), von der er auch Informationen über seinen Vater erhält. Die Ergebnisse seiner Recherchen hält er in einem Buch fest.

Christophers Untersuchung, Photo by Manuel Harlan

Als Ed Boone (Paul Ritter), Vater von Christopher, das Buch findet und liest, verbietet er seinem Sohn jegliche weitere Untersuchung des Falls und versteckt das Buch im Haus. Christopher gibt aber nicht auf. Er durchsucht das komplette Haus und findet Briefe, die an ihn addressiert sind. Es ist die Schrift seiner Mutter, die vor zwei Jahren im Krankenhaus einem Herzinfakt erlegen ist. Nachdem die Briefe aber recht aktuell sind, erkennt Christopher, dass ihn sein Vater angelogen haben muss und bricht zusammen. Als Ed nachhause kommt, die Briefe und seinen Sohn findet, erkennt er, dass er mit offenen Karten spielen muss. Er gibt zu, den Tod der Mutter erfunden zu haben. Er gesteht auch den Mord an Wellington. Das Vater-Sohn-Verhältnis ist fortan gestört. Christopher schlussfolgert: Wenn er den Hund getötet hat, dann könnte er auch mich töten. Also packt er einen Rucksack, klaut die Kreditkarte seines Vaters und macht sich auf dem Weg nach London, wo seine Mutter inzwischen lebt. Für einen Autisten sicherlich nicht das einfachste Unterfangen.

Einige der letzten Sätze, die in diesem Stück gesprochen werden, sind Christophers Fragen an seine Mentorin: „Ich habe es ganz allein nach London geschafft. Ich war mutig. Kann ich jetzt alles schaffen?“ Eine Frage, die mir 2012, gut einen Monat vor meinem Studienbeginn, auch durch den Kopf ging. Die Reise nach London hatte ich allein geplant, mein Hostel, mein Flug, mein Sight-Seeing-Programm (neben den „Klassikern“ z.B. auch die North Gower Street). Meine erste Reise ohne Begleitung. Ich hatte es ganz allein nach London geschafft. Ich war mutig. Kann ich jetzt alles schaffen?

Grandioses Bühnenbild – Photo by Manuel Harlan

Ein Jahr später. Ich hatte über die sozialen Netzwerke mitbekommen, dass das Stück vom National Theatre ins West End gezogen ist, dass es beim Publikum gut ankam und inzwischen mit zig Preisen ausgezeichnet wurde – völlig zu Recht.  Doch dann die Nachricht: Die → Decke des Appollo-Theaters ist eingestürzt. Während einer Vorstellung vom Curious Incident. Ich war schockiert. Glücklicherweise kam niemand ums Leben.

Zwei Jahre später. Inzwischen studiere ich im 4. Semester in Weimar. Der Vorteil (manchmal auch der Nachteil) an Weimar ist, dass alles sehr auf Tourismus und Kultur ausgelegt ist, was allerdings den positiven Nebeneffekt hat, das im Weimarer Cinestar (englischsprachige) Theaterstücke, Opern und Konzerte übertragen werden. Wie habe ich mich gefreut, als FRANKENSTEIN in Weimar lief. Und als ich gelesen habe, dass The curious incident läuft, habe ich meine Freundin geschnappt und ab ging’s ins Kino. Auch zwei Jahre später zündete Geschichte noch. Bild- und tontechnisch gab es einige Dinge, die man sicherlich besser hätte lösen können, auf der anderen Seite bietet das Cottesloe Theatre nicht sonderlich viel Platz für Kameras und die ganze Technik. Es stellte sich heraus, dass genau wie an meinem Theaterabend in London das weibliche Publikum ein kollektiven „Awww“-Seufzer ausstieß, als Ed seinem Sohn als Versöhnungsangebot einen Welpen schenkt. Dieser schleckte Hauptdarsteller Luke Treadaway erstmal das Gesicht ab.  (An meinem Theaterabend legte der Hund eine „Pinkelpause“ auf der Bühne ein, was ebenfalls für Lacher sorgte.) Die Schauspieler blieben aber alle in ihren Rollen und lieferten insgesamt eine fantastische Performance ab. Besonders hervor stechen aber Luke Treadaway und Paul Ritter, die mir auch noch zwei Jahre später einen Schauer über den Rücken jagen. Die fantastische Elektro-Musik von Adrian Sutton, die ich mir in der Zwischenzeit heruntergeladen habe, ist dynamisch und passt einfach perfekt. Last but not least muss unbedingt noch das ganze technische Team (Finn Ross, Bunny Christie, Paule Constable, Ian Dickinson…) gelobt werden, da viele Informationen mittels Projektoren und LED-Lichtern auf den Bühnenboden übertragen werden, was sicherlich ordentlich Arbeit gemacht hat. Und weil es einfach toll aussieht. Christopher und ich feierten ein gelungenes Wiedersehen. Hoffentlich war es nicht das Letzte.

Immer wieder schön (6/6)

Trailer: © NT Live