„At 1:30 my little girl is dead.“

Ja, man kann es kaum glauben, aber es gab auch eine Zeit, in der Johnny Depp noch nicht der weltberühmte Inbegriff eines Leinwandpiraten war. Eine Zeit vor FLUCH DER KARIBIK, SLEEPY HOLLOW und CHOCOLAT. In Retrospektive erscheint seine Rollenauswahl für den Film NICK OF TIME (deutscher Titel: Gegen die Zeit) etwas unlogisch. Darin geht es nämlich weder um einen exzentrischen Charakter mit expressiver Ader noch um einen bemitleidenswerten Einzelgänger, den die Welt nicht versteht – beides Paraderollen von Depp. Er spielt einen ganz normalen Typen. Einen wie Du und Ich. Einen Steuerberater. Gene Watson (Johnny Depp) kommt gerade mit seiner Tochter Lynn (Courtney Chase) am Bahnhof von Los Angeles an. Die Agenten Mr. Smith (Christopher Walken) und Miss Jones (Roma Maffia) entführen seine Tochter vor seinen Augen und zwingen ihn einen Mord zu begehen. Ein Leben für das Leben seiner Tochter. Gene weiß zunächst nicht, was er tun soll und versucht Hilfe zu holen, aber alle Versuche schlagen fehl, weil Mr. Smith  ihn auf Schritt und Tritt verfolgt um sicherzugehen, dass er den Mord auch tatsächlich ausführt. Schließlich findet Gene heraus, dass die Gouverneurin Eleanor Grant (Marsha Mason) sein Ziel und dass er Teil einer Verschwörung geworden ist.

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Ein Hoch auf DVDs. Nachdem der Film in den USA floppte, kam er überhaupt nicht in die deutschen Kinos. Damit tut man diesem Thriller von John Badham allerdings unrecht. Die Grundidee, nämlich einen Film in Echtzeit zu drehen – die 90 Filmminuten entsprechen 90 Realminuten, die Zeit wird weder gestreckt noch gestaucht – bietet sich bei einer Story wie dieser geradezu an. Zudem fokussiert sich der Film während dieser Zeit nicht nur auf Gene Watson als Protagonisten, sondern bezieht den Zuschauer in all die im Hintergrund ablaufenden Entwicklungen mit ein. Langweilig wird es daher nie. Zudem sorgt das innerdiegetische Countdown-Zählen (Noch 20 Minuten, dann ist die Gouverneurin im Ballsaal. Noch eine Stunde Zeit, dann stirbt meine Tochter.) für andauernde Spannung. In Momenten besonderer Anstrengung wird der Blick der Kamera schief, was Genes physische und psychische Belastung verdeutlicht. Christopher Walken ist nicht erst seit gestern auf die Rolle des Bösewichts gebucht. Daher ist es auch keine große Überraschung wie überzeugend er seiner Rolle Leben einhaucht. Mehr Probleme macht da Johnny Depp, dem man die Rolle als treusorgender Normalo nicht wirklich abnimmt. Er macht nichts wirklich falsch und trotzdem wirkt er fehlbesetzt. Die Vaterrolle passt nicht zu ihm. Trotzdem bildet er einen rebellischen Gegner, der es mit Walken aufnehmen kann.

In seiner Machart wirkt der Film häufig zu gewollt. Ständig fällt der Blick der Kamera auf analoge und digitale Uhren oder mehrfach auf Watsons Jackentasche, in der er die Waffe versteckt. Beides soll wohl die Dramatik und Spannung verdeutlichen. Auch die Tatsache, dass kurz nach der Entführung ein Mädchen in ihn hineinrennt, dass erstaunliche Ähnlichkeit mit seiner Tochter hat, spricht eine zu eindeutige Sprache. Dadurch hat man den Eindruck, man werde als Zuschauer nicht ernst genommen, weil der Film in diesen Szenen eine „Da musst du hinschauen“-Oberlehrer-Haltung einnimmt, was völlig unnötig ist.

Echtzeit-Thriller mit Starbesetzung(4.5/6)

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