Neulich habe ich mich sehr gewundert, das EXODUS von der Deutschen Film- und Medienbewertung (FBW) das Prädikat „besonders wertvoll“ verliehen bekommen hat. Dies hat mich aber wiederum zur Frage geführt, was denn die FBW überhaupt macht. Und was die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) macht. Lange Rede, kurzer Sinn: heute soll es um Institutionen gehen, die Filme bewerten. Es sollte sich schnell herausstellen, dass institutionelle Filmbewertung in Deutschland nicht so das Wahre ist – zumindest nach meinem subjektiven Empfinden. Aber lest selbst…


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Die deutsche Film und Medienbewertung (FBW)

Warum werden hier Filme bewertet? Ich zitiere: „Die Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW) begutachtet filmische Produktionen auf ihre Qualtität und zeichnet herausragende Werke mit den Prädikaten „wertvoll“ und „besonders wertvoll“ aus. Die Prädikate sind Empfehlungen für herausragende Filme, schaffen Orientierung im vielfältigen Angebot.“ Prämierte Filme genießen Steuervorteile und profitieren von der Referenzfilmförderung.

Wer bewertet? Die FBW ist eine gemeinschaftliche Einrichtung aller 16 Bundesländer mit Sitz in Wiesbaden. Die Jury, die sich aus Vertretern aller Bundesländer zusammensetzt, wird für die Dauer von drei Jahren vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur berufen. Die Ländervertretungen schlagen hierfür geeignete Kandidaten vor. >Die aktuellen Jurymitglieder sind hier einsehbar.

Was wird bewertet?“Entscheidend ist, ob der einzelne Film innerhalb seiner Gattung, des Genres (Komödie, Action, Thriller, Drama, Literaturverfilmung, Kinderfilm, Dokumentarfilm, u.a.) herausragt (wertvoll) oder besonders herausragt (besonders wertvoll) oder nur konventionell und durchschnittlich ist (also keine Hervorhebung verdient).“ Die Bewertungskriterien richten sich nach dem Stoff, der Form und der Filmgestalt im Ganzen. Kein Prädikat bekommen Filme, die „gegen die Verfassung oder die Gesetze verstoßen oder Persönlichkeitsrechte oder das sittliche oder religiöse Gefühl verletzen, auf die Wiedergabe unmittelbarer Tagesaktualität beschränkt sind, ohne dass filmkünstlerische Gestaltungsmerkmale erkennbar sind“ (..), erkennen lassen, dass sie der kommerziellen Werbung dienen“ (…), der Wahlpropaganda oder in herabwürdigender Weise der politischen Propaganda dienen oder in einem so mangelhaften technischen Zustand vorgelegt werden, dass die Identität der zu begutachtenden mit der auszuwertenden Fassung nicht mehr gewährleistet scheint“.

Was kostet der Spaß? Die Behörde finanziert sich über Gebühren, die sie als Entschädigungsaufwand eintreibt. Die Gebühr berechnet sich nach der Filmlänge, 1 Minute entspricht 27,36m, Gebühren pro Filmmeter 0,82€ (ermäßigt für Studentische Produktionen, Kinderfilme, Dokumentarfilme und ländergeförderte Filme 0,75 €), Mindestgebühr 120 €, Höchstgebühr 3000€. Eine Prädikatsübertragung auf andere Auswertungsformen wie z.B. DVDs und BluRays kostet einmalig 200 €. Jetzt kann sich ja jeder ausrechnen, welcher Film wieviel gekostet hat.

Wo ist das Problem? Schaut man sich mal die mit Prädikat ausgezeichneten Filme so an, dann  stößt man auf Widersprüche. So bekam FIFTY SHADES OF GREY tatsächlich das Prädikat „wertvoll“, NYMPHOMANIAC sogar „besonders wertvoll“, obwohl es in der Jurybegründung heißt, man hätte auch darüber nachgedacht gar kein Prädikat zu vergeben. Die Jurybegründungen selbst sind nämlich häufig nicht ganz eindeutig. Es lohnt sich wirklich auch mal zwischen den Zeilen zu lesen. Für den bereits oben erwähnten EXODUS war das Juryurteil eindeutig „Optik top, Inhalt flop“, also ambivalent; trotzdem gab’s ein „besonders wertvoll“. Noch abstruser wird es im Fall TRANSFORMERS, der ebenfalls ein „wertvoll“ erhielt. In den Bewertungskriterien der FBW heißt es nämlich, dass das Prädikat nicht an Filme vergeben werden darf, die „erkennen lassen, dass sie der kommerziellen Werbung dienen“. TRANSFORMERS ist eine Verfilmung von Hasbro-Spielzeug, wenn das nicht kommerziell ist, dann weiß ich auch nicht.

Das sagen andere:Ein weiterer, wenn auch wesentlich älterer, Fall aus dem Jahr 1988 ist das Prädikat „wertvoll“ für RAMBO 3, was zu Protest führte. Kritiker „warfen der Filmbehörde vor, sie wolle sich nur selbst erhalten“ und bezeichneten sie als „Zentralorgan deutschen Biedersinns„. Allerdings muss man dazu sagen, dass beide Artikel sehr alt sind. Aktuelle Berichterstattung und Kritik war nicht zu finden.

Was hab ich gemacht? Ich habe eine Mail mit den von mir entdeckten Widersprüchen an die FBW geschickt… und auch nach über zwei Wochen keine Antwort bekommen. (Sollte sich was tun, werde ich das hier an dieser Stelle einpflegen.)

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Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK)

Warum werden hier Filme bewertet? Das „Freiwillig“ im Namen ist etwas verwirrend, denn „freiwillig ist die Vorlage von Filmen zur Prüfung für die Filmwirtschaft, da keine gesetzliche Vorlagepflicht bei der FSK besteht. Allerdings dürfen nicht von der FSK gekennzeichnete Trägermedien nur Erwachsenen zugänglich gemacht werden.“ – heißt im Klartext, wer seinen Film auch Kindern und Teenagern zugänglich machen will, kommt um die FSK nicht herum. Auf Grundlage des Jugendschutzgesetzes und der Grundsätze der FSK prüft „die FSK […] die Filme und andere Trägermedien auf Einhaltung der in § 2 Absatz 1 gesetzten Grenzen und ob die Voraussetzungen einer Kennzeichnung nach § 14 JuSchGgegeben sind und welcher Altersgruppe sie vorgeführt oder zugänglich gemacht werden dürfen.“ Es gibt in Deutschland fünf Altersfreigaben: Freigegeben ohne Altersbeschränkung, Freigegeben ab sechs Jahren, ab zwölf Jahren, ab sechzehn Jahren und Keine Jugendfreigabe/ab 18. An den Altersfreigaben gibt es immer wieder Kritik, weil beispielweise der Sprung zwischen 6 und 12 Jahren recht groß ist.

Wer bewertet? Es gibt insgesamt etwa 250 ehrenamtliche Prüfer aus dem kompletten Bundesgebiet. Für einen Kinofilm müssen mindestens fünf Prüfer anwesend sein, die einfache Mehrheit entscheidet. Auch hier werden wieder von den Ländern Jugendschutzsachverständige für die Ausschüsse und drei ständige hauptamtliche Vertreter gewählt. Es gibt mehrere Prüfverfahren, die man hier auf einer Seite schön zusammengefasst hat.

Was wird bewertet? Ich zitiere aus meiner Mail (siehe unten bei „Was hab ich gemacht?“): „Die FSK-Ausschüsse sprechen Freigaben nach der gesetzlichen Vorgabe aus, dass Filme und andere Trägermedien, die „geeignet sind, die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen oder ihre Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit zu beeinträchtigen“, nicht für ihre Altersstufe freigegeben werden dürfen (§ 14 Abs. 1 JuSchG). In den FSK-Grundsätzen wird dabei bewusst auf eine vermutete Wirkung abgestellt. Mit der Altersfreigabe ist keine pädagogische Empfehlung oder ästhetische Bewertung verbunden. Einen fest gefügten Kriterienkatalog für die Beurteilung der möglichen Wirkungen kann es nicht geben, wohl aber Maßstäbe, die der sachkundigen Auslegung bedürfen. Hierbei ist grundsätzlich das Wohl der jüngsten Jahrgänge einer Altersgruppe zu beachten. […]“

Was kostet der Spaß? Auch die FSK finanziert sich aus Gebühren. „Die Prüfkosten für die Prüfung im regulären Ausschuss betragen 10,47 € pro Minute. Bei Einreichung eines DCPs, einer Datei zum Download etc. wird eine Pauschale für die technische Vorbereitung in Höhe von 80,50 € in Rechnung gestellt. Der zu erstellende Jugendentscheid wird mit einer Pauschale von 51,75 € berechnet. Für die Bereitstellung der Freigabe im Netz wird bei Kinofilmen eine Gebühr von 30,00 € berechnet.“ Weitere Gebühren für eine Trailerprüfung, überregionale Werbefilm-Prüfung usw. sind →hier einsehbar.

Wo ist das Problem?/Das sagen andere: Sagen wir’s mal so: Auf Wikipedia gibt es eine extra Unterüberschrift zum Thema „Umstrittene Entscheidungen„. Außerdem stellt sich doch die Frage, warum es zwei Institutionen gibt, die beide in Wiesbaden beheimatet sind, beide von den Ländern finanziert werden und beide Filme bewerten. Warum legt man nicht beides zusammen?

Was hab ich gemacht? Mail mit Fragen an die FSK. Innerhalb von einem Werktag  waren die Antworten da [Liebe FBW, nehmt euch mal ein Beispiel dran!]: „Die FBW ist eine Einrichtung mit Behördenstatus. Sie hat zur Aufgabe, Filme auf ihre besondere künstlerische, dokumentarische oder filmhistorische Bedeutung zu prüfen und herausragende Leistungen mit den Prädikaten „wertvoll“ oder „besonders wertvoll“ auszuzeichnen. Die FSK ist eine Einrichtung der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft e.V. (SPIO), dem Dachverband von derzeit 18 film- und videowirtschaftlichen Verbänden. Die in der SPIO zusammengeschlossenen Wirtschaftsverbände verpflichten ihre Mitglieder, nur von der FSK geprüfte Produkte öffentlich anzubieten. Als Rechts- und Verwaltungsträgerin übt die SPIO keinen inhaltlichen Einfluss auf die Arbeit oder die Prüfentscheidungen der FSK aus. Auf der Basis des Jugendschutzgesetzes (JuSchG) und der FSK-Grundsätze wird in pluralen, transparenten und unabhängigen Prüfverfahren über die Freigabe für fünf Altersklassen entschieden. Obwohl FBW und FSK beide in Wiesbaden ansässig sind, ist sowohl das Aufgabenprofil als auch die Organisationsstruktur und Anbindung (Bundesbehörde und Einrichtung der Filmwirtschaft) nicht vergleichbar. Entsprechend der Ausrichtung haben die Prüferinnen und Prüfer der FBW andere Qualifikationen als die Prüferinnen und Prüfer der FSK. So darf die künstlerische Qualität eines Filmes (wesentlich für die FBW) bei der Jugendschutzbeurteilung (wesentlich für die FSK) keine Rolle spielen und umgekehrt.“

Ich habe auch eine Frage zu älteren Filmen gestellt: „Nach 15 Jahren können Filme aufgrund veränderter Zeitumstände der FSK neu vorgelegt werden und erhalten dabei zum Teil eine veränderte Alterseinstufung. Filme werden jedoch nicht automatisch nach 15 Jahren neu geprüft, sondern nur wenn von einem Anbieter ein entsprechender Antrag gestellt wird.“