oder: Gibt es den schlechten Film?

Im Zusammenhang mit meinem Post über der Kinoverhalten bei schlechten Filmen, gab es auf meiner Facebookseite einen interessanten Gesprächswechsel, den ich an dieser Stelle nochmal aufgreifen möchte.

Michel Skazel […] Ich persönlich sehe es alleine schon als eine himmelschreiende Ungerechtigkeit an, wenn Menschen tatsächlich einen Film als schlecht empfinden bzw ihn derart titulieren. Das hat vorwiegend den Grund, dass ich tatsächlich behaupten würde, dass es so etwas wie einen schlechten Film gar nicht gibt, dies ist in meinen Augen ein viel zu subjektiv gefärbter Begriff, der ganz alleine auf individuellen Empfindungen basiert und deshalb niemals kollektive Gültigkeit haben kann.. Für jeden Film gibt es einen Markt und eine Zielgruppe, die den Film auch in irgendeiner Form gut finden wird. Es ist legitim keinen Zugang zu einem Film zu finden, aber etwas deshalb schlecht zu nennen oder gar das Kino zu verlassen, ist in meinen Augen folglich respektlos gegenüber den Filmschaffenden, die ihr Herzblut in das Resultat legen. Ich habe ebenfalls bereits Filme gesehen, die mir nicht gefielen (z.B. Transformers), aber ich sitze sie deshalb trotzdem aus und sei es nur um darüber nachzudenken, wen das Gesehene jetzt ansprach und warum. Umgekehrt gab es den Fall genauso (z.B. bei „Only God forgives“ oder „The Counselor“), das mir Filme wahnsinnig gut gefallen haben, obwohl selbige weder beim Publikum, (das teilweise den Saal verließ) noch bei der Kritik übermäßig beliebt waren, einfach weil ich die Aussage des Regisseurs nachvollziehen konnte und selbige etwas in mir angesprochen hat. Die Filme sind also nicht per se schlecht, sie sprechen eben nur nicht jeden an und ich finde, jedem Kinobesucher sollte dies klar sein. Menschen die dann das Kino verlassen (gebuht hat Gottseidank noch keiner) zerstören darüber hinaus für mich das Erlebnis und den Filmfluss, da selbiges ja leider auch selten leise von Statten geht.

Filmkompass Die Aussage, dass es keinen schlechten Film gäbe, halte für sehr provokant. Natürlich gibt es für vieles einen Markt, aber auch nicht für alles. Es gibt ja zwar die Oscars, es gibt aber auch die Razzies – und das nicht ohne Grund. Man muss dem Filmemacher oder Schauspieler auch klarmachen (dürfen), dass das, was er oder sie da abgeliefert hat, scheiße war. Die Frage ist halt, wie man das macht. Daher auch meine Ausgangsfrage.

Michel Skazel Es geht zwar an der ursprünglichen Ausgangsfrage vorbei, aber wenn du es schon ansprichst, woran würdest du denn einen schlechten Film festmachen? Ich meine, dass die Kritik niemals die Deutungshoheit über eine Sache haben darf, da alle Maßstäbe die die Kritik an eine Sache anlegt immer subjektiv, da individuell, gewählt sind. Eine Kritik kann daher, ganz gleich in welchem Bereich, nie mehr als eine Empfehlung sein. Echte Allgemeingültigkeit ließe sich nur über völlige Objektivität sicherstellen, welche der Kritik aus ihrer Natur heraus unmöglich ist. Ergo gibt es keine per se schlechten Filme, sondern nur Filme, die du für dich (oder eben auch die für die goldenen Himbeeren verantwortliche Jury) als schlecht empfindest. Diese Wertung ändert aber nichts an dem Film an sich, dieser bleibt wertfrei betrachtet noch immer ein Film und wird deshalb nicht zu einem „guten“ oder „schlechten“ Film. Und da der Film per Definition ein Kulturgut darstellt, ist es deshalb für mich ganz klar eine Frage des Respekts vor schöpferischer Arbeit, sich selbige stets ganz zu Gemüte zu führen (um zumindest den Bogen wieder ein wenig zurück zur ursprünglichen Frage zu spannen).

Filmkompass Ich würde die Deutungshoheit dem gesamten Kinopublikum zusprechen, was sowohl den Gelegenheitszuschauer als auch den ständig schauenden Filmkritiker einschließt. Es gibt nämlich Filme, die von der Kritik zerissen, vom Publikum aber geliebt werden (und natürlich auch umgekehrt). Ebenso sind auch kommerziell erfolgreiche Filme nicht unmittelbar ein Garant für gute Qualität. Die Kritik kann dem „Restpublikum“ nur eine Idee vom Film vermitteln. Sie ist nicht allwissend, obwohl sie sich vielleicht manchmal so hinstellt. Für mich ist ein Film nie einfach nur neutral, was sicherlich auch in der Natur des Mediums Films liegt. Film ruft Emotionen hervor. Und wo Emotion ist, gibt es auch so etwas wie „gut“ und „schlecht“.

Nachtrag vom 04.10.2014

Zu diesem Thema habe ich bei Claudius Seidl (1982) im Buch „Die Macht der Filmkritik. Positionen und Kontroversen.“ (S. 169-182, dieser Auszug findet sich auf Seite 172) etwas Interessantes gefunden.

„Je klüger ein Kritiker ist, desto heftiger wird er jenem Vorurteil widersprechen, wonach Kritik nichts anderes sei als die Formulierung von Werturteilen oder gar nur die Verbreitung von Meinungen. Wird der Kritiker also gefragt, ob dieser oder jener Film ein guter oder ein schlechter Film sei – dann wird der diese Frage weit von sich weisen und die Antwort verweigern. Von Sternchen, Kringeln oder Thermometern als Hilfsmittel der Filmkritik will er selbstverständlich noch weniger wissen – und natürlich hat er damit recht. Andererseits darf man das Wort ‚gut‘ nicht auf jene Bedeutung reduzieren, die es heute in der Umgangssprache hat. ‚Gut‘, das ist wie ein Stempel auf einer Waren, ‚gut‘ ist die zweibeste Note, die die Stiftung Warentest zu vergeben hat, ‚Gut‘ ruft der Koch, wenn die Sauce gelungen ist. Und der Kritiker hat natürlich recht, wenn er kein Warentester und keiner Vorkoster sein will. Aber ein guter Film, das ist mehr als eine fehlerfrei verarbeitete Ware oder eine fein komponierte Sauce. Denn gut ist zuerst und vor allem eine moralische Kategorie. Ein guter Film ist ein Film, der seinem Publikum etwas Gutes tut. Und das beste, was dem Publikum passieren kann – das ist ein Film, der Respekt zeigt; Respekt vor seinem Gegenstand, Respekt vor seiner Story, Respekt vor Darstellern und Schauplätzen und Respekt vor der ganzen physischen Wirklichkeit. Das wichtigste aber, und darauf läßt sich alles andere zurückführen, das wichtigste überhaupt, ist Respekt vor dem Publikum.“