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Meinung

Die Bösewicht-Formel

Voldemort in HARRY POTTER UND DIE HEILIGTÜMER DES TODES - Teil 2 (Ralph Fiennes) - © Warner Bros.

Voldemort (Ralph Fiennes) - © Warner Bros.

Was wäre ein guter Film ohne einen großartigen Bösewicht? Doch was macht einen guten Bösewicht überhaupt aus? Ich glaube, es ist in erster Linie die Wiedersprüchlichkeit einer Figur. Hier ein paar Beispiele, stichpunktartig aufgelistet:
Hannibal Lecter: gebildet und zivilisiert ↔ Kannibale, man möchte ungern zum Essen bleiben, aus Angst man könnte als Essen enden
Loki: will auf den Thron, um jeden Preis ↔ ist völlig zerstört über den Tod seiner Mutter, offenbar doch nicht gewillt, jeden Preis für die Machtergreifung zu bezahlen
HAL 9000: emotionaler Computer, der mit Menschen interagiert und für ihre Sicherheit sorgt ↔ handelt plötzlich eigenmächtig, stellt sich gegen die Besatzung der Raumstation, will nicht abgeschaltet werden.
Die Wiedersprüchlichkeit muss – wie im Fall von HAL – nicht einmal begründet sein. Es braucht nicht immer eine Hintergrundgeschichte, warum der Bösewicht zum Bösewicht wurde, obwohl das tendenziell in der jüngeren Filmgeschichte immer gern gemacht wird um dessen Motivation zu erklären.

Loki - © Marvel/Disney

Loki – © Marvel/Disney

Doch vertraut man nur auf die Wiedersprüchlichkeit wären manche Bösewichter keine guten. Lord Voldemort, Sauron, Calvin Candie aus DJANGO UNCHAINED oder Khan aus STAR TREK INTO DARKNESS fielen aus dem Raster, denn sie sind einfach nur böse bzw. rassistisch. (Der Begriff Rassismus ist hier als klassisches „Wenn du nicht auf meiner Seite kämpfst, bist du mein Gegner“-Klischee gedacht.)

Eine Freundin von mir meinte, ich müsste auch die Unterschiede zwischen amerikanischem Kino und europäischen Kino berücksichtigen. Das ist wahr. Das amerikanische Kino ist häufig „Heldenkino“. Der Bösewicht im US-Kino ist meistens nur als Gegenpart für den Helden gedacht ist. Der Bösewicht muss einfach (fast) so gut sein wie der Held, damit dieser glänzen kann. Warum der Bösewicht böse ist, ist dann mehr oder weniger egal, genauso wenig Rasse oder Geschlecht oder ob es sich um eine Realverfilmung oder ein Animationsfilm handelt. Also scheint das zweite Kriterium die Ebenbürtigkeit zu sein. Widersprüchlichkeit und Ebenbürdigkeit ergeben also die Formel für gute Bösewichter und -wichtinnen.

© Walt Disney

© Walt Disney

Interessant ist auch, dass Frauen weitaus weniger die Bösen darstellen. Sie entsprechen dann häufig auch einem frauentypischen Klischee. Man denke dabei an Cruela de Vil aus 101 DALMATINER. Warum ist sie böse? Weil sie gut aussehen will. Oder warum ist Cecile de France‚ Figur aus HIGH TENSION böse? Weil sie geliebt werden will. Häufig sind weibliche Schurkenfiguren mütterliche und fürsorgliche, teils auch von der Gesellschaft unterdrückte Charaktere während die männlichen Kollegen meistens nur auf Machterlangung oder Machterhalt gepolt sind. Doch beim genaueren Hinsehen entdeckt man, dass weibliche Filmschurken häufig beide Eigenschaften (Fürsorglichkeit und Machterhalt) in sich tragen. Besonders gut ist das bei MALEFICENT zu beobachten.  Auf der einen Seite verteidigt sie „ihr“ Moorenland mit Gewalt, auf der anderen Seite hat sie auch eine fürsorgliche Ader, wenn Aurora in Gefahr ist. Häufig wird auch mit dieser Vielschichtigkeit gespielt, indem sich in einem dramatischen Wendepunkt Frauen als das Böse herausstellen, obwohl man sie vorher nicht verdächtigt hat.

  1. Interessant wäre der „Böse“ im deutschen Kino. Ich muss gestehen, dass ich in meinem Leben vielleicht 5 deutsche Filme gesehen habe. Die Komödien waren nicht so aussagekräftig, außer von Loriot. Bei „Das Boot“ bin ich schon eher begeistert.

    Allerdings könnte ich auf Anhieb nichts sagen, wie man im Laufe der Jahre die Gegner aussehen ließ. Vielleicht ist da auch nicht so kompliziert.

    • Das ist ein guter Hinweis, mit dem Bösen im deutschen Kino. Mir fiel spontan DAS EXPERIMENT ein. Sicherlich gibt es noch zahlreiche Unterkategorien (Böse Gegenstände z.B. Fahrstuhl, Böse werden wieder gut…), die man dazu finden könnte. Dazu gibt es auch schon einschlägige Literatur. Ich wollte mit meinem Post eine allgemein gültige Bösewichtsformel aufstellen. Ob das gelungen ist, muss jeder selbst bewerten.

      • Ein böser Fahrstuhl? Erzähl!

      • Ich hatte vor zwei Semestern mal ein Seminar zum Fahrstuhl. Hört sich recht unspektakulär an, ist es aber gar nicht. Ein Fahrstuhl kann im Film als reines Transportmittel, als Rückzugsort für zwei Liebende oder eben als das Böse dargestellt werden. Man erinnere sich an den blutgefüllten Fahrstuhl aus THE SHINING oder aber Gruselschocker, in denen der Fahrstuhl ein Eigenleben entwickelt und z.B. Köpfe in den Türen einquetscht. Falls dich das Thema interessiert, empfehle ich dir das „Wörterbuch kinematografischer Objekte“. Das entstand an meiner Uni und die Texte sind kurz und übersichtlich. Wirf doch bei Interesse mal einen Blick in meine Literaturliste: https://filmkompass.wordpress.com/literaturliste/

      • Zum Fahrstuhl fällt mir „Angel Heart“ ein. Dort ist er zwar nicht böse, aber Gehilfe des Teufels.

      • Stimmt, über die Helferlein der Bösen müsste ich auch mal was schreiben. Danke für die Inspiration.

  2. Würdest du denn sagen, dass gute Bösewichte oft charakteristischer für einen Film sind als gute Held*innen? Oder zumindest mehr im Gedächtnis bleiben? Obwohl, wie du schreibst, gerade das amerikanische Kino oft Heldenkino ist, würden mir auf Anhieb wohl ebenso viele bemerkenswerte Villains einfallen wie klassische Protagonist*innen – oder vielleicht müsste ich eher sagen, die gute Hauptfigur ist häufig nach Schema F gebaut, während der Bösewicht sich mehr austoben kann, ein breiteres Spektrum abdeckt, von HAL über Blofeld bis hin zum Joker.

    • Ich glaube schon, dass ein guter Bösewicht länger im Gedächtnis bleibt. Ob sich der Bösewicht mehr austoben kann, würde ich so pauschal nicht sagen. Allerdings sprengt ein guter Bösewicht den Rahmen, soll heißen, der Gute hat sich meistens einen Ehrenkodex auferlegt (z.B. Ich töte keine Unschuldigen), während der Bösewicht keinerlei Regeln unterliegt – zumindest auf den ersten Blick. Trotzdem haben die meisten Bösewichter auch eine besondere Masche, einen Rahmen, in dem sie sich bewegen. Aber ich glaube, das liegt in der Natur des Menschen: jeder Mensch hat eine „Bis-hierhin-und-nicht-weiter-Grenze“, die ist beim Bösewicht sicherlich weiter gefasst als beim Guten, aber es gibt diese Grenze. Loki ist da ein gutes Beispiel und es beweist, dass Götter auch nur Menschen sind. 😉

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