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Das Uncanny Valley

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Passion of Arts Design - https://passionofarts.com/

Geht es euch auch manchmal so? Ihr schaut euch einen Film an und steigt dann aber mental aus, weil eine computeranimierte Figur unrealistisch wirkt? Das könnte am Uncanny-Valley-Effekt liegen. Das Uncanny Valley (engl. für das unheimliche Tal) beschreibt im Grunde eine Akzeptanzlücke.

Ursprünglich von Masahiro Mori, einem japanischen Robotiker, als „Phänomen des unheimlichen Tals“ (jap. 不気味の谷現象 bukimi no tani genshō) 1970 beschrieben, bezeichnet er heute das Phänomen, dass die Akzeptanz von technisch simuliertem, nonverbalem Verhalten durch Zuschauer vom Realitätsgehalt der vorgestellten Träger (Roboter, Avatare usw.) abhängt, sich jedoch nicht stetig linear mit dem Anthropomorphismus (der Menschenähnlichkeit) der Figur steigert, sondern innerhalb einer bestimmten Spanne einen starken Einbruch verzeichnet.

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Uncanny_Valley

Klingt komplizierter als es ist: Menschen finden hochabstrakte, völlig künstliche Figuren mitunter sympathischer und akzeptabler, wenn diese besonders menschenähnlich gestaltet sind. Die Akzeptanz fällt ab einem bestimmten Niveau der Menschenähnlichkeit schlagartig ab und steigt erst ab einem bestimmten Punkt wieder stark an. Wenn sich die Imitation und der echte Mensch nicht mehr unterscheiden lassen, ist laut der Theorie die Akzeptanz am höchsten.

Natürlich gibt es wie bei jeder Theorie auch eine hübsche Grafik dazu:

Tobias K. - translation of Image:Mori Uncanny Valley.svg by Smurrayinchester (which is based on image by Masahiro Mori and Karl MacDorman at http://www.androidscience.com/theuncannyvalley/proceedings2005/uncannyvalley.html) Illustration of the “Uncanny Valley” with German text. CC BY-SA 3.0

Darstellung des Uncanny-Valley-Effekts mit Einordnung verschiedener Objekte und Kreaturen. – CC BY-SA 3.0

Das Uncanny Valley im Film

Klingt immer noch zu verwirrend? Kein Problem! Es folgen gleich ein paar Beispiele.

Comparison Special Effects Cyborg (Justice League) and Ava (Ex Machina) - Screenshot 28.02.2018

Für einen der beiden Filme gab es einen Oscar für beste Special Effects. – via Twitter/Breaking Banter

In computeranimierten Filmen ist das Uncanny Valley ein großes Problem bei der Darstellung von Menschen, die vom Betrachter auch als solche akzeptiert werden sollen. Das ist besonders ein Thema für Trickfilmstudios wie Pixar oder Dreamworks. Die umgehen das Uncanny Valley, indem sie nichtmenschlichen Charakteren menschliche Züge geben. Weitere Möglichkeiten sind das Vermeiden von physiognomisch realistische Menschendarstellungen oder Menschen mit betonten Proportionen (z.B. übergroße Augen, dicke Knubbelnase…) darzustellen. Diese Darstellungsform kennt der Zuschauer bereits aus Comics oder Karikaturen. Auch die Bewegung einer Figur hat großen Einfluss auf die Akzeptanz des Zuschauers. Deshalb ist Motion Capture ein gern eingesetztes Hilfsmittel. (Man denke dabei an die drei neusten PLANET DER AFFEN-Filme oder Gollum aus DER HERR DER RINGE-Trilogie.) Dazu muss aber die Bewegung des Schauspielers erst noch auf einen computergenerierten Avatar übertragen werden um eine natürlich wirkende Figur zu erzeugen. Mo-Cap ist allerdings kein Garant für besonders realistisch wirkende Charaktere wie Robert Zemeckis leidvoll erfahren hat.

Das Uncanny Valley als Erklärung für fehlende Akzeptanz

Das Uncanny Valley dient in Teilen auch als Erklärungsmodell für den Misserfolg von Animationsfilmen. Als das Beispiel schlechthin wird immer wieder THE POLAR EXPRESS von Robert Zemeckis angeführt. Der Film wurde damals komplett mit Motion Capture gedreht und die Gesichter der animierten Figuren sahen recht realistisch aus. Allerdings führte das zu einer geringeren Akzeptanz beim Publikum, weil die Zuschauer das Uncanny Valley nicht überwinden konnten. Ein weiteres Beispiel wäre der Scorpion King in THE MUMMY RETURNS. Optisch eine ungare Mischung aus der Mimik von Dwayne “The Rock” Johnson und einem überdimensionalen Skorpion wirkt der Gegenspieler von Brendan Fraser nicht einschüchternd, sondern ziemlich lachhaft.

Clip: ©Youtube/Movie clips

Gegenbeispiel CARS: Dieser Pixar-Animationsfilm handelt von sprechenden Autos. Sprechende Autos kennt man nicht aus dem täglichen Leben und Autos sind auch nicht besonders menschenähnlich. Die Akzeptanz dem Film gegenüber müsste daher sehr gering sein. Dadurch, dass die Charaktere aber sehr menschliche Züge tragen und sich auch sonst sehr menschenähnlich verhalten, akzeptiert der Zuschauer das, weil er sich selbst in den Figuren erkennt. Gleiches gilt für Tiere mit menschlicher Psyche wie z.B. der Hund Doug aus OBEN oder die Ratte Remy aus RATATOILLE.

Das unheimliche Tal weitergedacht

Mir passiert es auch ab und an, dass ich computeranimierte oder -optimierte Charaktere als unrealistisch empfinde. Ich würde das Uncanny valley allerdings weiterfassen als einfach nur unnatürlich wirkende computeranimierte Personen. Ich würde auch das computeranimierte Landschaftsbild, Standardsituationen, Szenerie oder Kulissen miteinbeziehen. Manchmal empfinde ich die computeranimierten Figuren zwar lebensecht, die Umgebung in der sie stehen aber nicht. Es gibt computeranimierte Kulissen wie z.B. der Planet Pandora aus AVATAR, die Landschaftsoptimierungen in GAME OF THRONES oder die fotorealistische Landschaft in ARLO & SPOT, die mich fesseln und begeistern. Es sieht einfach wahnsinnig gut aus. Man wäre am liebsten selbst dort. [Querverweis für Interessierte: Die Bloggerin Andrea David bereist für ihren Blog → filmtourismus.de übrigens die ganze Welt um Filmlocations zu besuchen.]

Szene aus PIRATES OF THE CARIBBEAN: SALAZARS RACHE - Die "Black Pearl"- © Disney Deutschland

Szene aus PIRATES OF THE CARIBBEAN: SALAZARS RACHE – © Disney Deutschland

Und dann gibt es Szenerien und/oder Landschaften, die wirken so lustlos hinanimiert, dass man den Film nicht ernstnimmt. Ich würde sogar behaupten, dass das sogar häufiger vorkommt als nur unrealistisch wirkende Charaktere. So sehr ich WONDER WOMAN auch mag, dem großen Finalkampf zwischen Diana und Ares sieht man seine Herkunft aus dem Computer stark an. Oder Legolas, der in THE BATTLE OF THE FIVE ARMIES, auf fallenden Steinen wie auf einer Treppen emporläuft. Auch Standardsituationen wie den unheilvollen Strahl zum Himmel, der entweder als Portal in eine andere Dimension wirkt oder als überdimensionaler Laser, der die Erde zerstört, kann ich inzwischen nicht mehr ernstnehmen. Das unheimliche Tal ist größer als gedacht.

Video: © Mashable

  1. Ein spannendes Thema, schön erklärt. Toll!

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